Klaus Johann Grobe am B-Sides 2019
Bild: Silvio Zeder

Ein Berg im Tanzfieber

Der Samstag am B-Sides

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Vergangenen Samstag schauten wir beim B-Sides Festival in Kriens vorbei. Ein Besuch hat sich allemal gelohnt, bittersüss wurden die Nackenschmerzen, Brummschädel und der Muskelkater am Morgen danach in Kauf genommen. Wie unsere Erwartungen übertroffen wurden.

Samstagnachmittag, 16 Uhr. Mit der klapprigen Sonnenbergbahn geht es von der Talstation auf den Berg hinauf. Das Klima warm, der Durst gross, die Vorfreude noch grösser. Dabei ist man nicht alleine, Freitag wie Samstag im Vorfeld ausverkauft. Bisher scheint noch keine Sonne auf dem Sonnenberg, man erwartet gen Abend noch Gewitter. Das Festival-Feeling lässt sich davon kaum trüben. Das mit Herzblut verpackte B-Sides entzückt mit schmucker Verkleidung, Bühnenbildern und Kunstinstallationen. Die eigene Küche überrascht auch in diesem Jahr wieder mit neuen Kreationen, den Magen freut es.

Auf dem Platz befinden sich bereits viele Besucherinnen und Besucher. Da bis 16 Uhr noch ein ausgiebiges Kinderprogramm und vorher der traditionelle Brunch auf dem Plan stand, jagen und spielen noch viele Kids über das Gelände. Als Neuankömmling spürt man bereits eine ausgelassene Atmosphäre, man merkt, dass der dritte Tag eines Festivals ansteht. Augenringe machen sich bei so einigen bemerkbar, dennoch freuen sich Geist und Körper sichtlich auf den letzten Konzertabend. Das Gelände wird bereits mit den mobilen Soundmaschinerien von der Obertonstruktur der Kaulquappe​ unsicher gemacht, Team Scheller serviert derweil wortgewandte und pointierte Texte mit bissiger Gesellschaftskritik auf der B-Stage.

Von Zahnbürsten zu türkischem Pop

Kurz lässt man sich im Zähneputz-Zelt noch den Karies abschrubben, beim Buttomat sein Lieblingswort als Andenken verewigt und ein genüsslicher Cocktail auf der Aussichtsbar genehmigt, ehe man sich an die Konzerte wagt. Auf der Hauptbühne steht ein erstes Highlight an, Derya Yildrim & Grup Şimşek lockt die Hörlustigen vor die Rampe. Mit ansteckendem Groove serviert die Band türkische Folk-Musik, ehe die stimmkräftige Hamburgerin verführerisch anatolische Melodien ins Mikrofon singt. Wer bisher noch nicht Fan von türkischem Pop war, der wurde nun bekehrt. Flöte, Sitar, Vintage Orgel und ein freches Schlagzeug bringen nahöstliche Tanzlaune vor die Bühne, die Stimme der Sängerin dazu atemberaubend klar und betörend. Die Band lässt mit Charme und Spielfreude die Zeit im Nu vergessen.

Derya Yldirim. Bild: Silvio Zeder

Im Tanznebel statt im Gewitter

Mit Gerumpel und Getöse macht sich wettermässig allmählich bemerkbar. Der erste Regen fällt und P.A. Hülsenbeck bei der B-Stage versuchen dem anbahnenden Gewitter mit wolkenweichen Jazz angehauchten Tracks entgegenzuwirken. Die Lieder lässt man sich bittersüss auf der Zunge zergehen. Langsam und sicher wird das B-Sides von einer grauen Flut aus Ponchos überschwemmt, das Gewitter bloss Schall und Rauch. Für Rauch sorgen auch die Nebelmaschinen vor der Hauptbühne, Klaus Johann Grobe hält alle Utensilien bereit, um die grauen Massen zum Tanzen zu bringen.

Besucher geniessen Klaus Johann Grobe am B-Sides 2019. Bild: Silvio Zeder

Das Quartett bringt mit unbestechlichem Groove von Disco-Bassläufen, treibendem Schlagzeug und abgespaceder Orgel sämtliche Glieder in Bewegung gen verträumte Ekstase. Im hellblauen Rauch bringt die frech versiffte Retro-Maschinerie das B-Sides-Raumschiff in die Unweiten des Universums und Out of Reach. Eine Stunde lang lässt man sich Discogedanken in den Kopf pflanzen und erliegt dem Tanzfieber des melancholischen Discopops.

Französischer Lärm à discrétion

Wie ein nasser Hund begibt man sich zum nächsten Konzert. Der Soundcheck lässt schon erahnen, dass es wild und rasant zur Sache gehen wird. Decibelles, ein französisches Powertrio, sorgt für einen schwitzigen Lärmföhn auf der B-Stage. Bass, Gitarre und Schlagzeug lauten die Waffen ihrer Wahl und laut sind sie in der Tat. Direkt, brachial rabiat und mit ordentlich Verzerrung schmettern die drei Song nach Song, einer catchier als der andere, dem B-Sides um die Ohren. Schlagzeugerin transpiriert sichtlich, ebenfalls das Publikum. Wurde man gerade vom Regen wieder trocken, so führte das Konzert zur verschwitzten Pogoparty. Mögliche Nebenwirkungen sind beissende Nackenschmerzen, unlöschbarer Durst und Ohrensausen.

Decibelles am B-Sides 2019
Decibelles. Bild: Till Hess

Drama mit Klasse

Nach diesem ausschweifendem Energiebündel von Konzert gibt es erneut Grund zum nächsten Drängen in die vorderen Reihen, denn Pyrit nimmt gerade im Anschluss die Hauptbühne ein. Mit faszinierender Art zeigt sich der «Fürst der elektrosynthetischen Abgründe» vor dem ganzen Berg und taucht diesen in den dramatischen Trip-Hop-Schlund. Für seine Show, welche ihre Entstehungsidee in Tunesien und Berlin fand, wurde bereits im Südpol erprobt und nun auf dem Sonnenberg und am B-Sides präsentiert. Mit theatralischer Art verbindet Pyrit seine elektrohypnotische Musik mit Tanz und Licht und versetzt den Berg in eine packende Trance, allesamt lauschen den sanften und mahnenden Gesang. Der Auftritt ein hypnotischer Augen- und Ohrenschmaus.

Pyrit mit einer visuell ansprechenden Show. Bild: Silvio Zeder

Caribbean Space Disco

Allmählich geschafft rafft man sich vor die B-Stage. Aus gutem Grund, denn die Mauskovic Dance Band steht mit allerlei Gitarren und Perkussionsinstrumenten bereit. Nomen est omen. Die Gebrüder Mauskovic aus Amsterdam wissen, wie man feiert. Cumbia trifft auf karibische Rhythmen, dazu polternde Bassläufe, und hie und da entgleiten der Gitarre einige psychedelische Töne. Caribbean Space Disco. Abheben mit Stil und Hang zur Besinnungslosigkeit. Man schwingt ein Bein nach dem anderen und lässt dem Rest der Dinge seinen Lauf. Ein letzter Kraftakt mit Freuden. Ohne Pause lassen die Amsterdamer in schweisstreibender Manier eine Stunde lang durchtanzen, bis die Tanzbeine ausgeschwungen und der Durst der Leute gelöscht ist.

The Mauskovic Dance Band. Bild: Silvio Zeder

B-SBald, B-Sides

Schluss, aus, fertig. Der Geist sagt ja, der Körper sagt Wrack. Für die beiden letzten Auftritte von Pread und Sailing Stones Trackselector Disco in Boho’s Welcome reicht die Kraft und der Wille nicht mehr aus. Es soll allerdings gut gewesen sein, lässt man sich sagen. Fröhlich, müde und baff nimmt man den Abstieg vom Sonnenberg in Angriff. Eine melancholisch-schöne Tanznacht dieser Samstagabend. Ein Fest unter Freunden, beinahe schon unter Familie. Musik verbindet, sei es mit türkischem Pop-Charme oder französischer Punk-Brechstange. Nebst dem Gewitter lag auch eine verbindende Atmosphäre in der Luft, Herzblut liess sich sehen und hören. Bis zum nächsten Jahr, B-Sides, bestimmt. Bis dahin: Kennt jemand einen guten Massagesalon?

Matthias Grossrieder hat zu diesem Artikel beigetragen.

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