Bild: Lee Campbell

Flucht auf dem Sofa

Gedanken im Lockdown

Es ist sechs Uhr, irgendwo am Horizont bringt die Sonne den Tag. Die Welt dreht sich weiter. Unschuldig pfeifen die Vögel in den klaren, noch kalten Morgen. Zwischen Zuversicht und Zweifel gestehe ich mir ein: Die Apokalypse habe ich mir dystopischer ausgemalt.

Nicht nur die Welt da draussen erscheint paradox. In den letzten Jahren wünschte ich mir sehnlichst mehr Zeit. Und jetzt? Jetzt sitze ich da und komme mit der Ruhe kaum klar. Man wird nicht schlau.

Langsam habe ich mich an die Umstände gewöhnt. Alles ist etwas komplizierter geworden – ausser der Arbeitsweg. Vermisse ich die Konzerte? Die Bars? Die spontanen Abende, an denen sich Kaffee und Wein die Hand geben und allmählich zu Nächten auswachsen? Natürlich.

Die Welt ist geschrumpft auf ein paar Zoll LCD. Vielleicht war das schon vorher so, nur haben wir es nicht bemerkt in unserer Angst, etwas zu verpassen oder es bloss zuzugeben. Nun verpassen wir alle alles.

Das klingt jetzt vielleicht schrecklich erschreckend. Aber nennt mich einen hoffnungslosen Optimisten: Es ist auch eine Chance. Die Realisation, dass ich mir Leere schwer umgehen kann. Die Wärme tatsächlich zu vermissen, jemandem ohne Schnittstelle in die Augen schauen zu können. Haut auf Haut spüren zu können, wenn auch nur mit einem Händedruck.

Anstatt fremde Länder zu bereisen, erkunde ich mein Innenleben. Und es ist erstaunlich, wie das Dröhnen des Alltags die leisen Ängste, Freuden und alles dazwischen zu übertönen vermag. Ich würde sogar behaupten: Es ist die gefährlichste, aufregendste Reise meines bisherigen Lebens.

Klar, manchmal packt mich die Sehnsucht. Dann liege ich auf das Sofa und fliehe. Es knackt, rauscht und mit 33 Umdrehungen in der Minute entschwinde ich der Realität. Dann fliege ich Arm in Arm mit Ziggy Stardust zum Mars, erklimme die Treppen zum Himmel, zerschmettere mit Paul Simonon Gitarren.

Es sind die kleinen Dinge, die ich wieder zu schätzen gelernt habe. Einfach dazuliegen. Die Augen geschlossen. Zu lauschen. Und die Zeit zu haben, auf die B-Seite zu wechseln, anstatt auf Skip zu klicken.

Analog als Anker im Moment.

Musik als Meditation.

Klang als Katharsis.


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