Godsmack!

Wie eine Journalistin ein Konzert besucht

Nachdem Godsmack ihre Wintertour noch vor dem Halt in Zürich absagen mussten, weil des Gitarristen Sohn unerwartet ums Leben kam, betrat die US-amerikanische Hard-Rock-Band gestern Abend nun doch die Zürcher Bühne im Komplex 457.

Eine Journalistin hört, sieht, erlebt ein Event anders als ein hartgesottener Fan oder ein feierabendfeiernder Besucher. Da wir bei Negative White ehrenamtlich arbeiten, geniessen wir das Privileg, Konzerte nach Belieben besuchen zu dürfen, sofern der Veranstalter uns die Akkreditierung dafür gibt. Natürlich aber wählt man in der Regel eine Band, von der man vermutet, dass man sie grundsätzlich mag. Denn schon im Filmdiskurs gilt:

Geh und schreib nie über einen Film, von dem zu schon zu Beginn weisst, dass er dir nicht gefallen wird. Das kommt sowieso ‹lätz›.

— Zitat einer routinierten Filmkritikerin

So entschied mich also dafür, mir Godsmack reinzuziehen, auch wenn ich kein eingefleischtes Groupie der Bostoner Rocker bin.

Überblick gewinnen

Aller Anfang heisst Ankommen. Während man als Journalistin inkognito an den regulären Gästen vorbei an die Abendkasse huscht und sich ein Erkennungs-Shirt/Hoodie/Schlüsselband wünscht, um nicht als Assi wahrgenommen zu werden, hört man es drinnen schon wummern und das erste Aufsaugen von Eindrücken beginnt.

Ja, der innere Impressionsvampir spitzt die Ohren, weitet die Augen und versucht, an alles zu denken, was die künftigen Leser interessieren könnte. Man sucht sich nicht gleich einen geeigneten Sichtplatz aus, sondern erkundet erst das Gelände. Dabei schaut man sich die Zuhörer einzeln an und begutachtet ihre Shirts, um davon sowohl Musikstil als auch Subkulturstatus davon abzuleiten. Je weniger bekannte Gesichter und Bandshirts, umso weiter weg vom eigenen Musikstil. Shirts von System of a Down, einen Rock-am-Ring-Hoodie und ein Slayer-Shirt verraten mir aber, dass Godsmack meinem Musikgusto durchaus entsprechen müsste.

Zudem eröffnet mir das breite Altersspektrum der Besucher, dass Sully Ernas Crew nicht erst von gestern sein kann. So kann ich doch mehrere Väter und Mütter (oder Onkel und Tanten) mit ihren Zöglingen im Schlepptau erhaschen – oder umgekehrt.

Und wo is‘ denn nu‘ der beste Stehplatz?

Während der Support Act, der irgendwann mal ein Orkan sein will, bereits windböig über die Bühne fegt und wahrlich eine geile Dumpfklang-Mischung erzeugt, suche ich mir den perfekten Stehplatz. Aber den gibt es nicht. Entweder begebe ich mich mitten in den Fanflan, wo die Party bandunabhängig steigt und das Konzert zweifellos zu der Musikbombe des Jahres wird, oder aber ich suche mir einen imaginären Hochsitz in den hinteren Gefilden, von wo aus ich das ganze Spektakel in Jägermanier verfolgen kann.

Dieses Mal entscheide ich mich für den Spähersitz nahe der Bar im sicheren Schatten eines Hallenstemmers mit gutem Blick auf Bühne und Meute. Hier habe ich Luft, nehme keinem Fan die Sicht oder den Platz weg und kann ungestört meiner Handytipperei nachgehen.

Häsch nüt verpasst.

Mit obigen Worten begrüsst mich ein bekanntes Gesicht und bezieht sich auf die Band. Ja, habe ich wirklich nicht, denn ich war ja schon da. Aber danke, für die Resonanz bin ich trotzdem froh. Die Band, die sich erst nach dem Auftritt durch einen Paravan mit der Aufschrift «Like a Storm – Out of the Catacombs of Newseeland» zu erkennen gibt, muss trotz aller Mühe mit dem Los des Eröffnungsaktes kämpfen: mässige Stimmung, mässiges Mitmachen. Dennoch wage ich zu behaupten, dass ihre Originalität, ein Didgeridoo mit Hard Rock zu paaren, sie noch öfters auf dem Musikradar aufblinken lassen wird. We will hear…

Zwischenzeitliches Informieren über die Vorband überbrückt die Zeit zum Hauptact. In der Hoffnung, nicht Opfer Abschätziger zu werden, die denken, dass man gar nicht am Konzert interessiert sei, weil man schon fortlaufend die gesammelten (Info)schätze ins Smartphone reintöggelt. Natürlich bin ich interessiert am Geschehen. Nur eben anders, als du dir das denkst, lieber Beobachter. Ich geniesse «mein» Konzert eben einfach auf meine Weise – mit Schreibwerk.

Rocktribute

Und nun endlich: Mit We Will Rock You – und weiteren Rocksong-Versprechen ab Rekorder evoziert Godsmack in der Fangemeinde Jubelparaden, die die Künstler auf die Bühne applaudieren. Und da sind sie. Klassisch, urchig, rockig. Vom Tribal-Plakat zur Biker-Kutte wurde kein Rockattribut ausgelassen und die Show kann starten.

Im Gegensatz zu vielen anderen Besuchern ist man als Schreiberling um die Zwischenkommentare der extrovertierten Frontmänner so, da du daraus weiteres «Fleisch» für dein Textgericht gewinnst. So bin ich gespannt, ob Sully sein Versprechen, nicht nur ab dem neusten Album, sondern ab allen sieben bisherigen zu spielen, einhalten wird. Und ja; gesagt, getan. Die melodiöse Nasalstimme des ehemaligen Drummers schmettert so einige bekannte Klänge durch die Komplex 457-Halle.

Vom ersten Song an (von dem ich später über die Playlist-Abfrage weiss, dass es When Legends Rise war) bis zum siebten Song, Unforgettable, hält die Bostoner Besatzung das Tempo hoch. Die Zuhörer jubelen und trälleren bis in die hintersten Reihen mit, wenngleich die Ränge nicht bis zuletzt gefüllt sind.

Konzertbohne

Nachdem der Vollgasrausch nach Something Different etwas nachgelassen hat, appelliert Tony Rombola mit einem obligaten Gitarrensolo an die bodenständige Stampfkraft des Publikums und die unermüdliche Mitmachaquise der Musiker fruchtet. Schon bei Speak sind alle wieder auf dem Euphorie-Marsch und dann kommt auch schon endlich mein Grundstein des Konzertabends. Der Song, der mich auf Godsmack aufmerksam gemacht hatte und weswegen ich mich für dieses Konzert habe akkreditieren lassen wollen. Es gibt fast immer diesen einen Song, bei dem man – wenn auch nur für einen kurzen Moment – die Augen schliesst und ganz für sich allein geniesst. Meiner hier: Voodoo.

Epilog

Nach dem Konzert ist vor dem Bericht. Wenn man die nachhallende Toneruptionsstätte verlässt, ist der Eindrucksdruck über einen gelungenen Abend meist noch hoch. So ist es für den gebürtigen Schreiber ratsam, eine erste Nacht vorüberziehen zu lassen, um die Impressionen des Klangabends sortiert niederzubringen. Klar geht man mit einem Grundgefühl heim, das schon eine positive oder negative Berichtrichtung einschlägt, aber tags darauf scheint alles nüchtener und dadurch wahrer. Wenn die Euphorie noch anhält, top! Wenn sie einem klaren Blick für die geschehenen Details gewichen ist, umso besser. Man erlebt den Abend durch das notwendige Revue-Passieren-Lassen erneut – nachhaltiger.

Als Journalistin hält man die Augen und Ohren schlicht anders offen denn als freizeitliche Besucherin. Man lässt sich in entspannter Weise berieseln und nimmt mit, was hängen bleibt, sondern man must aktiv daran arbeiten, das mentale Tontalerkleid weit offen zu halten, um möglichst viele Informationen einzufangen – man muss ja schliesslich für andere (die Leser) mitsammeln.

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