Wenn der Bassist der Schattenkönig der Band ist

Bild: David Kilchör

Das Konzert von Ra Ra Riot am Sonntag im Exil ist zwar schlecht besucht. Doch die Indie-Rocker aus New York machen das Beste draus und geben den Besuchern eine Lehrstunde in Sachen Groove.

Fünf Alben, 13 Jahre Bandgeschichte, über 100 Millionen Spotify-Streams: Eigentlich bringen Ra Ra Riot aus New York ein ansehnliches Portfolio mit nach Zürich zu ihrer ersten Schweizer Show. Angesichts dessen scheint das winzige Exil als Konzert-Location für dieses Kick-Off doch eher tiefgestapelt.

Doch der Schein trügt. Als die fünf Musiker auf die Bühne steigen, warten nur etwa 40 Leute im Saal auf diese offenbar nicht wirklich lang ersehnte Schweizer Premiere. Sänger Wes Miles quittiert den miserablen Aufmarsch mit charmantem Sarkasmus: «Schön, dass so ziemlich die ganze Schweiz zu unserem ersten Konzert gekommen ist.»

Treibender Beat, funky Bass, fröhliche Melodie

Und dann dröhnt das Ensemble los. Absolutely ist der perfekte Eisbrecher-Song. Treibender Beat, funky Basslinie, eingängige, fröhliche Melodie – die Leute im Publikum tanzen ausgiebig. Platz haben sie ja.

Doch der Platz allein ist nicht der Grund für die Bewegung im Raum. Diese Band groovt. Zugegeben, das schreibt man einer Band schnell mal zu. Und intellektuell lässt sich Groove weder festmachen, noch erzeugen. Er ist da, man spürt ihn und kann ihn am Tanzgebaren des Publikums mehr oder weniger messen. Darüber hinaus ist er aber ein geheimnisvolles Phänomen.

Der Drummer ordnet sich unter

Im Fall von Ra Ra Riot liegt das Geheimnis wohl in der Kongenialität von Drummer und Bassist, respektive in ihrer umgekehrten Rollendefinition gegenüber der üblichen Ausgangslage. Üblich ist: Der Drummer definiert den Groove, der Bassist ordnet sich diesem unter. Die Band hat in ihrem Bassisten Mathieu Santos hingegen einen Schatten-Band-Leader.

Natürlich ist der Frontmann mit seiner markigen und auf Dauer etwas nervigen sonor-hellen Stimme der Fixpunkt der Band. Und natürlich schweift der Blick daneben eher auf die agile Violinistin Rebecca Zeller und ihr glitzerndes Instrument – und nicht unbedingt auf den Bassisten mit dem Nick-Cave-Gesicht, der verklärt herumtanzt, während er seine fünf Saiten teils im Zweiundreissigstel-Serienfeuer malträtiert.

Aber schliesst man die Augen und versucht die dicht zusammengefügten Elemente des Sounds zu entwirren, stösst man – Song für Song mit zuverlässiger Präzision – immer wieder auf die irrwitzige Basslinie. Sie definiert nicht nur den Groove des Songs, den Drummer Kenny Bernard selbstlos und stilsicher perfektioniert, sondern das gesamte Gerüst der Komposition. Sie ist Basis für Melodie und Rhythmus zugleich.

Die Violine bringt Spannung

Damit ist Ra Ra Riots Soundgeheimnis zwar gelüftet. Doch das Konzert noch nicht ausdiskutiert. Denn die Band macht viele andere Dinge richtig. Die Pointen der Violine etwa, die Spannung und klangliche Authentizität in den Sound bringen, sind ein guter Schachzug.

Und dann ist da der bescheidene Gitarrist Milo Bonacci, der sich ganz in den Dienst des Sounds stellt, seine Gitarre immer mal wieder für Keyboard-Einfinger-Linien auf den Rücken hängen muss. Der Mann ist zwar unscheinbar, doch eigentlich verleiht er dem Sound orchestrale Breite; einfach mit wenig Aufhebens.

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Schlagkraft dank Kürze

Und schliesslich liegt in der Kürze von Ra Ra Riots Songs grosse Schlagkraft. Die Band spielt auf den Punkt, lässt ihre Songs nicht endlos ausfransen, bricht sie teils regelrecht abrupt ab. So ballert sie innert einer Viertelstunde Beta Love, Boy, Dance With Me, Foreign Lovers und Flowers durch und man hat das Gefühl, das Konzert habe gerade erst begonnen – dabei ist schon fast Halbzeit.

Doch mit der Zeit beginnt die Abnutzung. Der Umstand, dass Sänger Wes Miles nur entweder volles Brett oder Falsett singen kann und dass sein Organ mit quäkender Eindringlichkeit fast unterbruchlos im Zentrum des Geschehens steht, ist ermüdend.

Als nach etwa 70 Minuten kurz vor Schluss der Show der Hit Water erklingt, ist das Publikum beinahe nicht mehr aufnahmefähig. Doch mit den Zugaben Dying is Fine und dem fast schon The Clash nachgefühlten A Check for Daniel im Pop-Punk-Kleid kommt eine rockige Versöhnung mit Instrumentalsoli und fetten Rockriffs.

Zwar kürzt die Band ihr Set spontan aufgrund des geringen Aufmarschs um einige Songs. Doch abgesehen davon ist ihr keinerlei Frust über die kleine, schlecht besuchte Location anzumerken. Das spricht zwar für Ra Ra Riot. Doch das überschaubare Fan-Feedback spricht eher gegen einen baldigen neuerlichen Gig der New Yorker in der Schweiz.

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