So war das Wave Gotik Treffen 2019

Die ultimativen Schwarz-Ferien

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Kaum angereist, schon wieder vorbei. So ergeht es so manchem Festival-Besucher und das ist auch in Bezug auf das 28. Wave Gotik Treffen nicht anders – trotzdem es durch so Unzähliges aus dem sonst bekannten Festival-Rahmen fällt und mit seinen fünf Event-Tagen etwas länger dauert als gewohnt.

Längst ist klar, dass sich die ursprüngliche Hobby-Veranstaltung zu einem lohnenden fünftägigen Touristen-Magneten gemausert hat. Mehr «schwarze Ferien» geht gar nicht, zumal deutlich darum bemüht wird, jede Sparte der Szene zu bedienen. Willkommen am Wave Gotik Treffen.

Der schwarze Turm zu Babel

Schon seit nahezu drei Jahrzehnten lockt das Wave Gotik Treffen (WGT), das weltweit grösste Gothic-Festival, schwarze Seelen aus aller Welt in die deutsche Kulturstadt Leipzig. So glich das Agra-Gelände dem dunklen Äquivalent des Turm zu Babels; hörte man an jeder Ecke, wie sich Freunde aus Mexiko, Russland, Malta, England, Serbien, Holland und natürlich aus der Schweiz am jährlichen Pfingsttreffen wiedervereinten. Um genau zu sein ganze 21’000 Besucher.

Und genauso vielseitig wie die Besucherschaft war auch die Band- und Angebotsauswahl, sodass unsere Journalisten vor Ort weit nicht alle Attraktionen besuchen und dokumentieren konnten. Hier aber nun unsere Highlights, die es weiterzugeben lohnt.

Szene als Attraktion: Das Wave Gotik Treffen in Leipzig. Bild: Francesco Tancredi

Gothic City

Dass in diesem Jahr das Leipziger Stadtfest mit dem WGT zusammenfiel tat dem schwarz getünchten Erscheinungsbild nur einen geringen Abbruch. Nicht nur Kleidershops stellten ihre düstere Ware ganz nach vorne ins Schaufenster, sondern auch Apotheken und Drogerien luden mit in schwarze Spitze gekleideten Schaufensterpuppen und «We love WGT»-Schildchen ins Ladeninnere ein. Und diverse Restaurants wie das Andria an der Nikolaistrasse im Stadtzentrum oder das Puschkin an der Karl-Liebknecht-Strasse passten ihre Menu-Karte extra dem Dunkel-Publikum an. Durch all diese Willkommenheissungen und freundlichen Begegnungen seitens der Leipziger Bevölkerung wird schnell deutlich, dass man sich hier auf die jährliche schwarze Menschenflut nicht nur aus lukrativen Gründen freut.

Einkauf muss sein. Bild: Francesco Tancredi

Freitag: Die Büchse der Fortuna

So haben wir uns, ganz nach den Negative White-Idealen, eine Schweizer Formation als NW-Eröffnungsgig ausgesucht. Die mittlerweile zweiköpfige Band Koraktor aus Zürich bespielte schon zum vierten Mal die kleine Bühne der Absintherie Sixtina. (Wie fortunistisch, wenn man bedenkt, dass die Ursprünge des Absinths ebenfalls in die Schweiz führen.)

Und mit unserem nostalgischen Unterstützungspatriotismus waren wir nicht alleine. Zahlenmässig überlegen beklatschten schweizerdeutschsprachigen Gäste beispielsweise das energiegeladene Lied «Völkerschlacht» oder die stimmlich starke Rammstein-Hommage «Seemann». Ein gelungener Auftakt zu einer äusserst vielseitigen Düster-Odyssee.

Von einer lauschigen Bühne mit Sitzgelegenheit – und Knappheit war es nicht nur mental ein grosser Sprung zum Freitag-Mainact Hämatom in der Haupthalle Agra, sondern auch verkehrstechnisch; waren doch die Locations – wie im Vorbericht erwähnt – über die ganze Stadt verteilt. Über das Festivalticket jedoch ÖV-nutzberechtigt und mittels des obligat abgegebenen WGT-Stadt- und Linienplans reiste man beinahe nahtlos von Eventinsel zu Eventinsel.

Wie für den WGT-Freitag üblich, ermöglichten die Veranstalter einer Band einen Auftritt, die bisher zum ersten Mal zum Wave Gotik Treffen eingeladen wurde. Dieses Jahr fiel die Wahl auf die Deutschrocker Hamätom, die normalweise auf raueren Festivals auftreten und dem entsprechend ein roheres Publikum gewohnt sind. Dennoch standen sie showtechnisch anderen Szenebands in nichts nach. Setze sich doch der Frontmann Nord (Torsten Scharf) für die Zuschauer beim Song «Mörder» extra auf einen elektrischen Stuhl, und verteilte zum Ende hin ganz Gothic-like rote Rosen ans Publikum. Spätestens beim Song «Ikarus» hatten die Speichersdorfer die Zuhörer auf ihrer Seite, sodass sie mehr als willig dem Schlagzeuger Süd (Frank Jooss) seine erste Drum-Surfing-Tour ermöglichten.

Koraktor. Bild: Francesco Tancredi

Samstag: The Spirit of Negative White

Während wir uns über den Samstagablauf berieten, fiel uns auf, dass das Programmkonstrukt des WGTs ganz dem Spirit von Negative White entspricht: viele kleinere Bands und Künstler aus aller Welt erhalten hier eine Bühne, auf der sie ihren Beitrag zur Musikkultur leisten dürfen. So auch die Schweizer Newcomer-Band Dunkelsucht, die das Openair-Gelände Nontox beschallen durfte, wo auch Grössen wie Noisuf-X, trotz ihrem Faible für Kleines wie Ameisenvideos, die Mischpulte zum glühen brachten. Ein kleiner Wermutstropfen jedoch war, dass das Nontox, das zur Treffen-Hochburg der elektronischen und somit klangstarken Musik wie Industrial und EBM nirgendwo Oropax bereitstellte.

Openair-Flair im Nontox. Bild: Francesco Tancredi.
Openair-Flair im Nontox. Bild: Francesco Tancredi.

Im Zusammenhang mit dem Nontox spielte sich eine weitere szenesignifikante Szenerie ab: Zwar hatte uns ein über Bändchen und Kleidung szenebekennender Tramchauffeur und ein Kraftwerk-hörender Taxifahrer hingebracht, gehörte das Nontox doch zu einem jener sehr abgelegenen Veranstaltungsorte wie das Westbad, der Südfriedhof oder Täubchental, von denen ein Wegkommen – unserer Meinung nach vor allem wegen mangelnder Shuttlebusse – eine heraklische Prüfung an sich war und man die Location deshalb meist nur einmal in den fünf WGT-Tagen besuchte, standen wir etwas unschlüssig an der Busshaltestelle. Da fragten uns bis anhin unbekannte Konzertbesucher aus heiterem Himmel, ob sie uns per Auto mitnehmen sollen. «Aber gerne doch!» ausrufend nahmen wir das für diese friedliche Szene eben typische Angebot in Anspruch und genossen das Wissen, einfach auf nette Essener gestossen zu sein, die nichts weiter als ein ehrliches Dankeschön erwarteten. Danke Szene, danke WGT!

Jesus liebt auch schwarz

Tja, bei solchen zivilcouragierten Aktionen ist es schwer verständlich, weshalb die christliche Gemeinschaft eine friedliche Demonstration ausgerechnet am einzigen Leipziger Gothic-Samstag im Jahr abhalten musste, um zu beteuern, dass «Jesus auch schwarz liebt.»

Um den Abend ganz im NW-Geiste abzurunden, begaben wir uns in den Studentenkeller StuK, in dem Punkt Mitternacht eine H. P. Lovecraft-Lesung abgehalten wurde – ganz in studentischer Manier mit Schummerlicht, Sitzecken und dem obligaten «strangen» Publikum, das in Kultiviertismus schwelgte.

Noisuf-X. Bild: Francesco Tancredi

Sonntag: Die Einlasshydra

Was, Einlassstopp?!

Einlassstopp schien das Mantra dieses Sonntags zu sein. Vor dem Heidnischen Dorf standen die Eintagsbesucher Schlange, um den Markt und Faun zu sehen, und vor dem Felsenkeller die an Metalentzug leidenden Dunkelseelen, um Cradle of Flith zu hören. Beiderorts erhielten die gestressten Securities oft die Anweisung, den Einlass genau zu kontrollieren und gegebenenfalls zu stoppen, um trotz vergleichsweise niedriger Personalbesetzung die Publikumssicherheit zu gewährleisten. Glücklicherweise handelte sich bei den Gästen um ein friedliches Völkchen, das sich wetternd aber trotzdem zivilisiert an die Regeln hielt. Dank des Allgemeinanstandes konnte Negative White doch noch ein paar Blicke auf das Konzert in der Krippe der Fülle erhaschen.

Die Massen folgten Cradle of Filth. Bild: Francesco Tancredi

Durch einen kleinen Schwatz mit dem Sicherheitspersonal erfuhren wir, dass dies keineswegs eine ungewöhnliche Erscheinung der letzte Jahre sei und für den kommenden Tag ebenfalls erwartet würde, was leider nirgendwo gerade für erstmalige WGT-Besucher hilfreich vermerkt wurde. So quetschten sich einige ob der Einlasshydra etwas verstimmt in das übervolle letzte Tram Richtung Stadtmitte, um in der im Zentrum gelegenen Moritzbastei ebendieser Menschenschlange erneut ins Auge zu blicken. Durch die weitläufigen Räumlichkeiten der Bastei verteilten sich allerdings die unzähligen sorgfältig geschmückten Köpfe in alle Nischen, so dass die Party sich bis in die Morgenstunden hinziehen und tausende glückliche Gesichter ins Bett schicken konnte.

Und es lohnte sich, beim Konzert dabei zu sein. Bild: Francesco Tancredi

Montag: kulturelles Potpourri

Nachdem die dunklen Besucher bereits drei Nächte an Lagerfeuern im Heidnischen Dorf, an Industrial-Openairparties im Nontox, in der Moritzbastei zu Wave-Klängen, am Pogo-Festival zu Badcave-Sound oder am Fetish-Event «Obsession Bizzar» im Volkspalast durchgefeiert hatten, schien der Montag dafür prädestiniert, bei angenehmem Wetter durch die Stadt zu flanieren und weiteren Angeboten nachzugehen.  Dafür boten Museen wie das Museum der bildenden Künste, das Ägyptische Museum, das Haus Leipzig oder aber auch die Buchhandlung Zweitausendeins ihre Ausstellungen feil.

Wie jedes Jahr hat sich zum Beispiel das Grassimuseum spannende Führungen in Zusammenhang mit bestehenden und temporären Ausstellungen ausgedacht. So exemplarisch eine Tour zu Bodymodification in anderen Kulturen. Interessierte Besucher erfuhren – mit dem Festival-Ticket kostenlos – mehr über Skarifizierung bei afrikanischen und rituelle Suspension bei indianischen Völkern. Laut Kuratorin Marina Hermann waren auch die Führungen zu Schamanismus und Schützenden Begleiter*innen gut besucht. Hermann lobte auch besonders, dass das dunkle Publikum so erfreulich aufmerksam sei.

Das Wave Gotik Treffen ist mehr als Musik, ein kultureller Anlass. Bild: Francesco Tancredi

Das WGT bot und bietet im Allgemeinen endlos viel Platz und Raum für Selbstinszenierungen aller Art. So begegneten kleine Kinder in der Strassenbahn zum Südfriedhof, auf dem ebenfalls zahlreiche Führungen zu Leichendiebstahl oder noch lebenden, tierischen Friedhofsbewohnern stattfanden, ihrer Prinzessin in schwarz-gold. Andere nutzten die monumentale Kulisse des Völkerschlachtdenkmals oder des imposanten Krematoriums für private Shootings.

Wer die schwarze Kultiviertheit aufs Höchste herausfordern wollte, der konnte sich entweder in der Leipziger Oper und im Schauspielhaus ein Stück ansehen, oder in der Kirchenruine Wachau ungarischer Weltmusik lauschen.

Inszenierung gehört dazu. Bild: Francesco Tancredi

Ja, das Wave Gotik Treffen ist definitiv ein Event des Sehen und Gesehen-Werdens, ist doch die graffitibesprayte Wand beim Haupteingang eine der meist-fotografierten Hintergründe überhaupt. Aber auch an den Wänden des Agra-Cafés gab es Interessantes zu sehen. Dieses Jahr schmückten unter anderen die Werke der Schweizer Fotografin Annie Bertram den Raum – und schienen positiven Anklang zu finden.

Lesungen schaffen Abwechslung. Bild: Francesco Tancredi

Episches Finale

Powerreich hatte es begonnen, energiegeladen ging es zu Ende. Zum Finale war ein Dreigespann an Headliner geplant, die zeitgleich aber ortsgetrennt den Festival-Abschluss hätten bestreiten sollen: Megaherz im wie erwartet überfüllten und gefühlt 80 Grad warmem Felsenkeller – Agonoize in der zu ca. 80 Prozent gefüllten Agra-Halle – Tanzwut unter freiem Himmel im Heidnischen Dorf. Da hätte sich so manch einer gewünscht, sich wie eine Hydra teilen oder wie ein indianischer Schamane zerreissen zu können, um an allen Events dabei zu sein. Letzter Musik-Titan allerdings musste einer noch grösseren Macht, dem Wetter, weichen, wurde das ganze Areal nämlich um 20:30 Uhr wegen Gewitterwarnung geräumt.

Negative White entschied sich für Nachtmahr und Agonoize, da hier – trotz der hierher ausgewichenen Tanzwut-Fans – die Konzerthalle Platz für Atmung und Beweglichkeit für Fotografen bot, die beim vorabendlichen Felsenkeller-Event leider nicht gegeben war. Gute Entscheidung, denn so konnten wir noch Mark Beneckes Abschlussrede lauschen, der durch seinen Beruf als (TV)-Forensiker und seine wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit dem Tod und Okkulten zur Gothic-Ikone wurde.

Mark Benecke. Bild: Francesco Tancredi

Zudem versprachen Agonoize einen bleibenden Eindruck; durch Kunstblut, das Sänger Chris L. bekannterweise im Überfluss in die Publikumsmasse spritzte. Dass der Drummer trotz Vollmontur leider etwas wenig beleuchtet war, wurde durch die Ehrung des verstorbenen Sängers Keith Flint mit dem Prodigy-Song Breath wett gemacht und gepaart mit Beneckes letzten Worten an die Zuhörerschaft erhielt das 28. Wave Gotik Treffen einen gehaltvollen emotionalen Ausgang.

Wie immer viel Kunstblut bei Agonoize. Bild: Francesco Tancredi

Nachbeben

Dass alle Party-Veranstalter, wie beispielsweise der fixe Gothic-Club Darkflower (in dem auch zeitweilen Welle:Erdball-Mitglied Honey die DJ-Teller dreht), im Programmprospekt mit «Open End» warben, liess stark vermuten, dass Leipzig nach der fulminanten Konzert-DreiZweifaltigkeit keineswegs das Festival schon für beendet wahrhaben wollte. Und auch uns war am nächsten Morgen klar: trotz der minimalen Mankos wie dem fehlenden W-Lan auf dem Hauptgelände, der wegen der vielen Orte etwas unübersichtliche ÖV-Netzkarte, der vermissten Shuttlebusse zu den abgelegenen Schauplätzen und der nur schwer zugänglichen Gehörschützer macht das WGT eben doch süchtig, sodass man sich bereits beim Auschecken ein Zimmer fürs kommende 29. Wave Gotik Treffen sichert.

Auf ein nächstes Mal! Bild: Francesco Tancredi

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