Bild: Janosch Tröhler

Die fast finale Transformation

The Beauty of Gemina spielten in Wald

The Beauty of Gemina spielten ihr erstes Konzert nach langer Pause im Rahmen der «Bleiche Sessions» in Wald im Zürcher Oberland. Ein Blick auf den Abend und eine Band, die ihre Transformation fast vollendet hat.

Eine beeindruckend überragende Bühne, umgeben von den alten und hohen Mauern des Fabrikareals «Bleiche». Fein säuberlich reihen sich schwarze Plastikstühle aneinander. Dieser Ort ist etwas wie der Edelhipster-Hotspot von Wald im Zürich Oberland, diesem Nicht-mehr-ganz-Dorf, dieser Noch-nicht-ganz-Stadt. Natürlich sind es insbesondere persönliche Gründe, weshalb The Beauty of Gemina am lauschigen Montagabend im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Bleiche Sessions» auftritt. Und doch ist dieses Wald – ein Ort zwischen zwei Zuständen – eine perfekte Allegorie für die Band.

The Beauty of Gemina, 17.6.19, Wald
Bild: Janosch Tröhler

Urknall

Brav sitzen hier Lokalkolorit neben düsteren Gestalten aus der Gothic-Szene, jenen Gefilden, denen The Beauty of Gemina vor über einer Dekade entsprangen. Die Geschichte der Band ist auch von uns immer wieder erzählt worden. Mit der ersten Single Suicide Landscape landete die Band um den kreativen Weissschopf Michael Sele über Nacht einen weltweiten Klassiker dunkler Tanzflächen. Gepriesen wurden dichten, hypnotischen Arrangements, die als «Gemina-Sound» bekannt wurden. Über vier Alben hinweg zelebrierten die Musiker, von denen Sele und Drummer Mac Vinzens die einzige Konstante über die ganze Historie hinweg sind, ihr einzigartiges Klangbild.

Es war 2013, als es im Universum von The Beauty of Gemina urknallte. Einige Hinweise liessen sich bereits auf dem Album Iscariot Blues – etwa bei Badlands oder auch Stairs – finden. Doch mit The Myrrh Sessions, einer Sammlung akustischer Interpretationen ihrer Stücke, öffneten sie die Tür in eine neue Welt. Ganz nebenbei machte sich auch die Erkenntnis breit: Diese Band besteht aus talentierten Vollblutmusikern.

Kreuzung

Diese Tür sollte sich nie mehr schliessen, aber auch nie ganz öffnen – zumindest bis heute. Ghost Prayers, das gesamthaft wohl schwächste Album, versuchte den alten und neuen «Gemina-Sound» zu fusionieren. Auf Minor Sun gelang die Kreuzung dann schon wesentlich besser. Insbesondere die Single Crossroads, ein Cover von Calvin Russell, verbanden sie ihre Undurchdringlichkeit und die akustischen Elemente erstmals mit einer Überzeugung.

Damals schrieben wir: «Ironischerweise stehen The Beauty of Gemina nun an einer Kreuzung, an der sie ihren neuen Sound gefunden haben. Sie müssen sich entscheiden, welche Richtung sie nun einschlagen werden. Crossroads ist das ehrliche Eingeständnis, dass sie zweifeln, aber auch ein Leuchtfeuer, auf das man in dunkeln Zeiten zurückblicken kann. Es ist das Vertraute, eine sichere Zuflucht. Der rote Punkt auf der Landkarte, der anzeigt: Sie sind hier.»

Die Richtung, für die sich die Band entschied, war die richtige: Hin zur Akustik. Das letztes Jahr erschienene Album Flying With The Owl zelebriert den Sound, den The Myrrh Sessions so grossartig gemacht hat: Eine Mischung aus melancholischem Wave, warmem Blues und erdigem Folk.

Eben deshalb passte Wald als Ort für den ersten Auftritt nach einer längeren Pause. Michael Sele musste sich einer schweren Operation am Herzen unterziehen. Am Scheideweg zwischen Leben und Tot, um es etwas gar dramatisch zu formulieren. Bevor die Band an jenem Abend Crossroads anstimmte, sagte Sele: «Heute ist auch eine dieser Crossroads.» Und erst mit diesem Song spielten The Beauty of Gemina mit Selbstsicherheit.

Abschluss

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Es war ein überraschend lautes Konzert, vielleicht zu laut für das platzierte Publikum. Allerdings war es auch keine klassische Rock-Show, wie sie sie vor einigen Jahren noch absolvierten. Die Spielweise, der Sound waren vollkommen anders. Keine Elektronik, keine Lines ab Konserven, stattdessen frische und variantenreiche Arrangements auch älterer Stücke. Der markige Synthie-Hook von Seven-Day Wonder übernahm Cellist Raphael Zweifel am Keyboard. So nah waren sich glitzernder Disco-Sound und Wave noch nie. Zwar ging das Stück live wegen verpasster Einsätze den Bach hinunter, gleichzeitig ist die Transformation zur vollständigen Live-Band endlich abgeschlossen.

So stark und energetisch die aufbrausenden Phasen des Konzerts auch waren; gegen die Kraft der Intimität vermochten sie nicht zu bestehen. Jene Augenblicke, in denen Seles charaktervolle Stimme den Hof über sanften Klängen füllte und die Gedanken weit fort trug. Selbst in ihrer instrumentalen Reduktion behalten die Songs das Totale. Auf der Bühne bleiben die Stücke unergründlich, kurze Momente einer kleinen Variation, die schnell verfliegen, aber deswegen einmalig und wertvoll sind.

Nichts in ihrer Musik schnürt The Beauty of Gemina nunmehr in ein Korsett. Die Metamorphose aus dem Kokon des dichten, repetitiven «Gemina-Sounds» hin zur neuen Freiheit ist beinahe vollzogen. Am Amphi Festival in Köln wird die Band ihre letzte Rockshow spielen, danach wird Michael Sele dieses Kapitel schliessen.

The Beauty of Gemina, 17.6.19, Wald
Bild: Janosch Tröhler

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