Im Rausch der Endorphine

The Slow Readers Club im Papiersaal

Bild: Janosch Tröhler

Wer das erste Schweizer Konzert von The Slow Readers Club sah, wurde Zeuge von etwas Überlebensgrossem.

Ein Gewitter bricht über Zürich herein. Es blitzt, donnert und Regen prasselt an die hohen Mauern des alten Backsteingebäudes. Es sind knapp hundert Menschen, die an diesem Freitagabend die Treppe in den Papiersaal besteigen. Die meisten bereits älter, mit dem Sound der 80er die Jugend durchgetanzt; diesen unsterblichen wie melancholischen Klängen von The Cure, Depeche Mode oder Joy Division. Das Versprechen: In jene Zeiten zurückgeworfen werden. Und eine aufstrebende Band aus Manchester liefert genau das ab: Vorhang auf für The Slow Readers Club.

Harte Arbeit

Es ist zugleich korrekt und falsch, das Quartett aus dem Norden Englands als Newcomer zu bezeichnen. Auf der einen Seite erscheinen The Slow Readers Club erst jetzt richtig auf dem Radar der musikalischen Gatekeeper. Ihr Album Build A Tower, erschienen im Mai vor einem Jahr, schoss auf Platz 18 der UK-Album-Charts. Im vergangenen Januar spielten sie dann auf dem wichtigen Eurosonic Festival.

The Slow Readers Club live am Eurosonic 2019
The Slow Readers Club live am Eurosonic 2019. Bild: Siese Veenstra

Tatsächlich ist dies das erste Jahr, in dem die Band sich Vollzeit auf die Musik konzentriert. Das deutet bereits darauf hin, dass es auch falsch ist, The Slow Readers Club als Newcomer zu schubladisieren. Die Wurzeln reichen zurück bis ins Jahr 2003 zur Band Omerta. Aaron Starkie, James Ryan, Neil Turvin und Nick Moylan veröffentlichten lediglich drei Singles, die sie aber allesamt ausverkauften. Heute sind die Scheiben begehrte Sammlerstücke.

2007 zerbrachen Omerta. Starkie, Ryan und Turvin gründeten The Slow Readers Club. Nach einigen Wechseln im Gefüge stand das heutige Line-Up: Die Stimme von Aaron Starkie, die Gitarre von Aarons Bruder Kurtis, James Ryan am Bass und David Withworth hinter den Drums. Das selbstbetitelte Debütalbum und auch der Nachfolger Cavalcade veröffentlichten sie in Eigenregie. Es ist eine Band, die dem Begriff «Working Class» gerecht wird. Die jahrelange Schufterei hat sich gelohnt: Das zeigt der durchschlagende Erfolg von Build A Tower und die immense Tour, die The Slow Readers Club gerade absolvieren.

Schweissperlen und Schauer

Nach einer ganzen Dekade auf den Schultern hat die Formation nun endlich die Professionalität erreicht. Es war ein langer, steiniger Weg. Aber einer, der die Musiker auch geerdet hat. Keine Sekunde zweifelt man an ihrer Ehrlichkeit, ihrer Passion, ihrem Selbstvertrauen – und doch wirken sie nie überheblich. Sie sind bescheiden geblieben.

Der Auftritt im Papiersaal, ihr erstes Konzert hierzulande, elektrisierte die überschaubare Menge von Anfang an. Zu verdanken war dies sicherlich auch der Handvoll britischer Fans, die nicht zögerten und sofort eskalierten, als die Band die Bühne betrat. So schnell sieht man ein vorwiegend schweizerisches Publikum, für gewöhnlich kühl-distanziert, kaum in Euphorie aufgehen.

Hervorragend abgemischt, durchdrang Starkies essentielle Stimme den Raum. Sein Gesang spannt den Bogen von der Frechheit eines Billy Idols, über den sonoren Groove von Man Without Hats, bis zur Verspieltheit von Morissey, nur weniger «artsy-fartsy». Doch wenn The Slow Readers Club die Schleusen richtig öffneten, kam der Papiersaal an seine akustische Grenzen. Es reicht hier vielleicht für eine luftige Indie-Band, aber nicht für den Bombast, den die Band entfesselte. Ihre Hymnen haben sakrale Qualität und wummern düster im Abgrund. Wer sich öfter fragt, wo die vielversprechenden Gothic-Bands bloss abgeblieben sind: Man muss sie ausserhalb der Szene suchen. Erst auf der Bühne entfaltet die zwischen ansteckenden Melodien und melancholischem Post-Punk-Trieb seine explosive Kraft. Viel lauter, viel dunkler, viel schwärzer als auf den Aufnahmen.

Die Ausgelassenheit trieb schimmernde Schweissperlen auf die Gesichter, während die Songs immer wieder kalte Schauer der Fassungslosigkeit den Rücken hinab gossen. Bassist James Ryan riss die Augen immer wieder wie wahnsinnig auf, Aaron Starkie legte seine Seele dem Publikum zu Füssen. Gitarrist Kurtis‘ Blick versank wie in Trance auf seinem Instrument und Drummer Whitworth legte unermüdlich ein meterdickes Fundament.

Nachdem The Slow Readers Club die Zugabe mit der jüngsten, medienkritischen Single On The TV schlossen, wollte man das Ende nicht wahrhaben – und sang die Melodie einfach weiter.

 

Das Konzert war unfassbar mitreissend, mit Worten nicht gerecht zu werden. Ein Rausch der Endorphine. Und das Bewusstsein, Zeuge von etwas Überlebensgrossen geworden zu sein.

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