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«Nur dieser eine Song hat eine solche Wirkung auf mich»

Mike Love von den Beach Boys im Gespräch

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Auch nach über 50 Jahren Beach Boys tourt noch eine Formation unter dem legendären Namen – darunter die zwei Originale Mike Love und Bruce Johnstone. Die beiden sind so viel Beach Boys, wie man heute überhaupt noch bekommen kann. Das 78-jährige Gründungsmitglied Mike Love spricht im Interview über seine Lieblingssongs, die Rivalität mit den Beatles und übers Alter.

Mike Love, Gründungsmitglied und Co-Komponist der Beach Boys, tourt unter dem Namen der legendären Band mit einer Formation, in der er und Bruce Johnston die einzigen originalen Beach Boys sind. Nicht dabei: Mastermind und Loves Cousin Brian Wilson, der solo arbeitet und dabei meist seinen alten Beach-Boys-Kumpel Al Jardine dabei hat. Wilsons Brüder Dennis und Carl sind schon vor über 20 Jahren verstorben.

Mike, du bist mit deinen Beach Boys recht oft in der Schweiz. Magst du das Land so sehr?

Mike Love: Ja, das ist tatsächlich so. Wir legen hier immer eine etwas längere Pause ein. Ich war auch mal mehrere Monate zum Meditieren hier. Dieses Jahr werden wir drei Übernachtungen bleiben und den Schweizer Sommer etwas geniessen. Einmal hatte ich meine jüngste Tochter dabei und wir gingen in den Zürcher Zoo. Sie liebte es.

Deine Kinder machen ja auch Musik. Hast du die eine oder den anderen in die Band integriert?

Oh ja, mein Sohn Christian ist dabei. Er hat einen Stimmumfang wie Carl Wilson und singt etwa God only knows oder Good Vibrations. Für die Band ist er eine enorme Bereicherung. Zudem ist es schön für mich, mit meinem Sohn zu touren und Musik zu machen.

God only knows und Good Vibrations gelten als die besten Beach-Boys-Songs. Bist du einverstanden?

Ja. Wobei: California Girls ist auch sehr nett, finde ich. Aber Good Vibrations ist eine extrem spannende Komposition. Sie war damals in den Sechzigern Avantgarde und ist es noch immer, auch wenn sich die Musik deutlich weiterentwickelt hat.

Es gab diese Rivalität zwischen unseren Bands.

Sind das auch deine persönlichen Lieblingssongs?

Welcher Song der Beach Boys gerade mein Lieblingssong ist, hängt von meiner Stimmung ab. Wir haben sehr zurückhaltende Sachen wie In my Room oder Surfer Girl, aber eben auch die lustigen Lieder wie Fun, Fun, Fun oder Little Deuce Coupe. Da schlägt mein Gefühl mal in die eine, mal in die andere Richtung aus. Wir haben übrigens demnächst ein neues Album am Start.

Mit neuen Songs?

Mehr oder weniger. Auf dem Album sind fast ausschliesslich Coversongs, nur ein Song ist wirklich neu und von uns komponiert. Das Album heisst 12 Sides of Summer. Unsere Version von California Beach von den Ramones ist beispielsweise darauf vertreten. Unser eigener Song heisst California Sun. Wir interpretieren zudem Here Comes The Sun von den Beatles – meine persönliche Reverenz an George Harrison.

Die Beach Boys 2019 mit Mike Love
Die Beach Boys heute mit Mike Love (4. v.l.). Bild: zvg

Weshalb die Reverenz?

1968, nachdem ich ein halbes Jahr in Europa, die Hälfte davon in der Schweiz, meditiert hatte, flog ich nach Indien zu einem Guru, um noch weiterzukommen. Dort angekommen, stellte ich fest, dass die Beatles gerade am selben Ort waren. Ich freundete mich mit George Harrison an, wir meditierten viel zusammen und verbrachten intensiv Zeit miteinander.

Brian konsumierte zu viele Drogen.

Bliebt ihr danach befreundet?

Befreundet nicht gerade, aber einander wohlgesinnt. Er war halt in England, ich in den USA – zudem gab es diese Rivalität zwischen unseren Bands.

Eine negative Rivalität?

Nein, das nicht. Alle schätzten einander. Es war ein bisschen wie im Sport: Wenn du spürst, dass der andere besser ist als du, willst du ihn übertrumpfen, und so weiter. Das Album Rubber Soul von den Beatles inspirierte Brian zu Pet Sounds, was die Beatles wiederum zu Sgt. Pepper anregte.

Und daraufhin hatte Brian Wilson das Album Smile komponiert, nur kam das danach nicht in die Plattenläden.

Zu jener Zeit konsumierte Brian zu viele Drogen. Das machte ihn paranoid. Er bekam Angst vor seinem neuen Album und legte es zurück in die Schublade. Aber zumindest kam Heroes and Villains, ein Song, den wir oft spielen, heraus. Er war die Fortsetzung des Songs Good Vibration.

Später erschienen dann aber noch tröpfchenweise Songs, die aus den Smile-Sessions stammten – einfach auf anderen Alben. Cabinessence auf 20/20 war so einer. Oder Surf’s up auf dem gleichnamigen Album.

Dahinter steckte die Plattenfirma. Die hatte viel Geld in Smile investiert, doch dann kam nichts. Also wollte sie diese Songs unbedingt irgendwie zu Geld machen. Das machte aus deren Sicht ja schon Sinn: Die Lieder waren fixfertig aufgenommen, man musste sie nur noch veröffentlichen.

Aus jener Zeit spielt ihr live praktisch gar nichts.

Eher wenig, das stimmt. Aber wir spielen Rock and Roll Music.

Manchmal noch Disney Girls von Bruce Johnston, der mit dir tourt, oder?

Ja, vor allem in schönen Theatersälen, weil das ein sehr zierlicher Song ist. Vor kurzem gaben wir ein Album heraus mit alten Songs, die mit einem Symphonieorchester ergänzt wurden. Disney Girls ist dort einer meiner Favoriten.

Wieso macht ihr Deirdre nie? Ist ja auch ein Song von Bruce und er hat ebenfalls diese verträumten Harmonien wie Disney Girls.

Bruce weigert sich, den zu singen.

Weshalb?

Ich kann es auch nicht nachvollziehen, ganz ehrlich. Er behauptet, das sei nicht die Art von Musik, die die Beach Boys spielen sollten. Er hat ja auch I write the Songs geschrieben, ein Welthit. Kennst du den?

Dieser Song ist mystisch.

Ja, von Barry Manilow.

Genau. Den will er auch nicht singen. Er glaubt, der Song würde die Karriere der Beach Boys auf einen Schlag beenden, wenn er in unserem Repertoire auftauchen würde.

Einer meiner Lieblingssongs aus jener Zeit ist All this is that. Das ist ja deine Komposition. Weshalb spielt ihr den nicht?

Ha, echt jetzt? Den kennt fast niemand. Aber wir haben ihn für die jetzige Europatournee ins Repertoire genommen. Ich liebe den Song, er gehört zu unserem spirituellen Repertoire. Die Zeile «I am that, thou art that, all this is that» ist eine Eins-zu-eins-Übersetzung aus einer uralten hinduistischen Schrift. Die Monotonie, wie wir sie singen, soll einem Chant nachempfunden sein. Wenn ich diesen Song singe, hebe ich geistig immer ab. Ich kann es nicht erklären, nur dieser eine Song hat eine solche Wirkung auf mich. Er ist mystisch. Übrigens haben wir dieses Mal auch andere Songs aus den Siebzigern am Start. Etwa ‘Til I die.

Brian Wilsons bester Songtext überhaupt.

Oh ja, finde ich auch. Der Song ist sehr speziell für uns, ein äusserst introvertierter. Ich widme ihn Brian, wenn wir ihn singen. Wir haben es immer so gehalten: Wir spielen nicht nur die Hits, sondern auch weniger bekannte Songs aus unserem Repertoire. Uns ist eine Mischung wichtig, in der introspektive oder eben auch spirituelle Lieder Platz haben, die für uns selber bedeutungsvoll sind.

Hast du manchmal die Nase voll von den Hits – jedes Mal Surfin‘ USA, California Girls, Fun, Fun, Fun?

Wir lieben die Hits. Es gibt einige, die wir immer wieder mal aussortieren, weil wir keine Lust mehr darauf haben. Aber nicht jene, die du aufgezählt hast. Die sind zu toll zum Spielen, mit ihnen wird’s uns nie langweilig. Seien wir ehrlich: California Girls hat doch einfach die genialsten Harmonien. Wie kann man die nicht mögen?

Tony Bennett ist mein Idol.

Wenn ihr solche Songs spielt, springen die Leute auf und tanzen. Manche von ihnen sind 70 oder 80 Jahre alt und schwingen ihre Krücken durch die Luft. Ich habe das schon an Konzerten gesehen. Wie fühlt sich das für dich an?

Das ist ein unglaubliches Gefühl, auch nach all den Jahren noch. In Japan müssen wir teils nur den ersten Takt eines Songs spielen und schon schreit die gesamte Menge den ganzen Text mit. Dass viele unserer Besucher alt sind, liegt in der Natur der Sache. Wir machen seit über 50 Jahren Musik. Das sind Menschen, die ihr ganzes Leben mit unserer Musik verbracht haben. Sie durchleben ihre Kindheit nochmals. Und sie bringen ihre Kinder mit. Und ihre Enkel.

Du bist selber 78 Jahre alt. Und doch stehst du regelmässig über zwei Stunden auf der Bühne und singst. Wie schaffst du das?

Tony Bennett ist mein Idol. Der ist über 90 und schafft das noch. Sein Geheimnis: Er übt täglich, er wärmt seine Stimme auf. Die Stimme steht und fällt mit der Muskulatur. Die musst du trainieren, um sie ideal nutzen zu können. Zudem ist die Einstellung zu deinem Körper ein wichtiger Aspekt. Denn Alkohol, Zigaretten und Drogen ruinieren die Stimme. Die Stimme ist ein Instrument, du musst sie pflegen und nutzen, nicht missbrauchen. Und ich meditiere regelmässig. Das hat einen äusserst positiven Einfluss auf meine Gesundheit.

Beach Boys am Dienstag, 9. Juli, 20 Uhr, im Theater 11 in Zürich

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