«Ich musste heulen, wenn die angefangen haben, die Koksberge zu verbrennen»

Campino von den Toten Hosen im Interview

Bild: zvg / Paul Ripke
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Regisseurin Cordula Kablitz-Post begleitete Die Toten Hosen auf Tour und gewährt mit ihrer Dokumentation «Weil du nur einmal lebst», Fans und Interessierten einen intimen Einblick in das Leben der Erfolgsband. Wir konnten ihr und Frontmann Campino einige Fragen stellen.

Campino, wieso habt ihr euch dazu entschieden, eure Tour als Dokumentation festzuhalten?

Campino: Es ist im Grunde genommen wie bei Urlaubsfotos. Während man die Aufnahmen macht, ist man total genervt. Aber nach den Ferien schaut man sich solche Bilder doch unglaublich gerne an. Aus diesem Grund haben wir zugesagt, als Cordula uns fragte, ob sie uns auf der Tournee filmen könne – und in fünf Jahren kann das ja nur schlechter aussehen.

Welches Ziel hast Du mit deinem Film verfolgt, Cordula?

Cordula Kablitz-Post: In erster Linie ist die Dokumentation ein Film von einer Band auf Tour, der die Musiker porträtiert und zeigt, wie die Band hinter den Kulissen funktioniert. Gleichzeitig wollte ich aber auch ergründen, wieso Die Toten Hosen nun seit 37 Jahren so erfolgreich zusammenspielen.

Und wie lautet nun deine Theorie, wieso die Toten Hosen so dermassen beliebt sind?

Cordula Kablitz-Post: Weil sie alle immer noch so gut befreundet sind. Hätte die Aufgabenteilung innerhalb der Band nicht bereits vor vielen Jahren stattgefunden, gäbe es sie vermutlich schon gar nicht mehr. Es ist der Tod einer Band, wenn die einzelnen Egos aufeinanderprallen und die Mitglieder sich um die Frage der Rangordnung, dem Verdienst und dem Geld streiten.

Campino: Den Streitpunkt Geld haben wir ganz einfach gelöst: Direkt bei der Gründung einigten wir uns darauf, dass es überhaupt keine Rolle spielt, wer was macht, wir würden alles mit dem Manager durch sechs teilen. Alle Bandaufgaben waren stets Teamarbeit und auch die Lieder haben wir von Beginn an kollektiv erarbeitet. Bis ich dann gemerkt habe, dass die anderen beim Texteschreiben plötzlich mit allen Strophen einverstanden waren, wenn sie in die Eisdiele oder zur Pommesbude wollten. Da hatte ich dann einen anderen Anspruch und stellte dann fest, dass das Liedertexten auch gut alleine geht.

Der Film lebt von eurer Bandchemie. Wie schafft ihr es 24/7 aufeinander zu sitzen und trotzdem so gut miteinander auszukommen?

Campino: Wir sind wie eine Familie, da gibt es halt hin und wieder mal Streit. Doch das Entscheidende ist, zu verstehen, dass man am gleichen Strang zieht und man miteinander eigentlich glücklich ist. Um diese Beziehung zu stärken, haben wir schon immer auch mal die Instrumente beiseitegelegt, um gemeinsam zu verreisen. So sind wir früher beispielsweise mal in ein Indianerlager zu all diesen Spiesserfamilien gefahren. Die haben uns dann allerdings schnell gebeten, den Campingplatz zu verlassen… So etwas gab es früher reihenweise. Uns ging es nie nur um die Musik, sondern um Begegnungen und darum, Leute zu treffen.

Hätten sich solche Geschichten nicht auch für den Film geeignet?

Cordula Kablitz-Post: Wir hatten am Ende über 200 Stunden gedreht. Da war mir klar, dass alles, was man dokumentarisch herausfinden kann, eigentlich schon in unserem Material vorhanden ist. Da brauch ich nicht noch lange Geschichtssequenzen rein zuschneiden. Wenn du 37 Jahre Bandgeschichte erzählen willst, kannst du ja gleich eine Netflix-Serie machen.

Oder ein Biopic, wie das von den Queens.

Campino: Ein bisschen lebendiger als Freddie Mercury fühle ich mich zur Zeit dann doch noch. (lacht) Ich habe mir den Film natürlich auch angeschaut und er hat mir viel Spass gemacht – aber vermutlich, weil ich nie ein ausgewiesener Queen-Fan war. Da nimmt man es nicht so genau mit der Biografie. Doch als Kenner würde mich jede Sequenz, die in meinen Augen nicht richtig dargestellt ist, stinksauer machen. Wenn jemand einen Film über die Sex Pistols machte, dem würde ich ganz genau auf die Finger schauen. Als Entertainment finde ich Bohemian Rhapsody absolut gelungen.
Es ist überraschend und freut mich sehr, dass ein Film über eine Band solche Zuschauerzahlen erreichen kann. Ich persönlich liebe diese Filme. Nach Walk the Line zum Beispiel mochte ich Johnny Cash gleich noch etwas mehr, auch der Film über The Doors war unglaublich gut. Deshalb ist es umso schöner, dass Musikfilme nicht mehr nur einfach belächelt werden. Die Elton John-Biografie werde ich mir natürlich auch sofort anschauen.

Solche Filme sind auch prima um Vorurteile aufzuräumen.

Campino: Als Fan der Popkultur schaue ich mir alle möglichen Dokus an. Ich würde mir auch ansehen, wie das bei DJ BOBO auf Tour abläuft – vermutlich würde ich selbst bei einem Film über Helene Fischer hängen bleiben. Einfach, weil mich ihre Herangehensweise interessiert. Womöglich kann man durch eine solche Dokumentation auch Vorurteile abbauen, so würde ich vielleicht feststellen, dass auch sie Knochenarbeit leistet und sich der Schlager gar nicht so einfach aus dem Ärmel schütteln lässt, wie man vermutet. Man bekommt als Zuschauer die Chance, eine Sache aus einem neuen Winkel zu betrachten. Ich wünsche mir, dass auch Leute mit unserem Film etwas anfangen können, die uns und unsere Musik nicht so schätzen.

Bist du auch sonst ein Filmfan?

Campino: Ich schaue mir unglaublich gerne Filme und Serien an. Die Serie Narcos habe ich geliebt. Allerdings musste ich immer heulen, wenn die angefangen haben, die Koksberge zu verbrennen. Bei Geschichtsdokumentationen über den Vietnam- oder die Weltkriege bleibe ich auch immer hängen, da bin ich mittlerweile wie mein Grossvater.

Älter werden spielt auch in der Doku Weil du nur einmal lebst eine grosse Rolle. Hast du nicht manchmal das Gefühl, dass du bereits jetzt, durch all diese Erfahrungen die du gesammelt hast, schon mehrere Leben gelebt hast?

Campino: Je älter wir werden, desto bewusster wird uns, dass wir nur dieses eine Leben haben. Wenn man das mit einem Stück Kuchen vergleicht, haben wir schon eine ganze Menge weggeputzt. Jetzt, wo die Stücke auf dem Teller immer weniger werden, fangen wir an vorsichtiger zu sein und jedes einzelne Stück zu geniessen. Es geht jetzt darum, das Glück, das wir gehabt haben, zu würdigen und uns mit wachen Augen auf das zu freuen, was uns die Zukunft noch alles schenkt.

 

  1. Es ist einfach immer wieder interessant und lehrreich, Interviews mit Campino zu lesen sehen oder hören. Was der Typ zu sagen hat ist einfach sehr vielschichtig! Auf noch sehr viele Jahre mit den Hosen!

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