Bild: zvg

Die Festivalsaison endet, bevor sie begonnen hat

Die Pressekonferenz vom 29. April trifft die Schweizer Festivals mit voller Härte: Alle Veranstaltungen über 1000 Personen sind bis mindestens Ende August untersagt. Vier Vertreter erzählen, wie sie damit umgehen.

Bild: Tatjana Rueegsegger

«Ich wünsche mir, dass die vielseitige Kultur am Leben erhalten wird.»

David Bär, Lauter Kollektiv

Bild: Tatjana Rüegsegger

David, Bär, ihr habt am 17. April die Absage des Lauter Festivals bekannt gegeben. War für euch schon länger klar, dass das Festival nicht stattfinden kann?
Wir rechneten seit März damit, dass das Festival unter Umständen nicht stattfinden kann. Natürlich war noch Hoffnung da, auch wenn relativ bald klar war, dass ein Festival in diesem Ausmass nicht stattfinden kann.

Habt ihr euch mit anderen Festivals abgesprochen?
Ja, vor allem aus rechtlicher Sicht. Wir mussten abklären, welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, um nicht in Schwierigkeiten zu kommen aufgrund eingegangener Verpflichtungen. Ansonsten gehörten wir eher zu den späteren Festivals, die abgesagt haben. Deswegen waren wir nicht gross in Kontakt.

Was bedeutet das für eure weiteren Veranstaltungen dieses Jahr?
Wir haben im Herbst bereits Veranstaltungen geplant. Natürlich mit der Option, dass sie nicht stattfinden werden. Das ist viel Aufwand, der möglicherweise umsonst ist. Aber man muss ja optimistisch bleiben.

Was sind die finanziellen Konsequenzen für euer Festival?
Wir leben von Getränkeverkäufen und Sponsoren. Finanziell ist es natürlich schwierig. Auch wenn wir Stiftungen haben, die uns einen Teil trotzdem ausgezahlt haben, haben wir dieses Jahr Verluste. Wir müssen auch noch abklären, wie unsere Hilfe beim Kanton ausschaut.

Als Kollektiv bzw. Verein schaut die Hilfeleistung vom Staat ja nochmals anders aus als bei Grossveranstalter.
Wir sind ein Verein, haben uns aber als Kulturunternehmen eingestuft. Die andere Option wäre als Laienverein. Da wir aber eine Teilzeitstelle haben, haben wir uns für ersteres entschieden. Da das Hilfepaket aber für grössere Unternehmen ausgelegt ist müssen wir noch abklären, was wir machen können.

Obwohl es gerade für kleine Veranstalter schwerwiegende Folgen haben kann.
Wir sind nicht die mit den meisten Anstellungen und haben deswegen nicht die grösste Stimme. Dafür investieren wir sehr viel Gratisstunden und tragen viel zur Nachwuchsförderung bei.

Was sind eure Optionen, solltet ihr keine Hilfe erhalten?
Wir haben uns eine Möglichkeit überlegt, wie man uns unterstützen kann. Dazu möchte ich aber noch nichts sagen.

Was für Schlüsse zieht ihr für nächstes Jahr?
Die Grosse Frage ist natürlich, welche Künstler wir für nächstes Jahr nochmals buchen. Wir möchten nicht unbedingt das selbe Line-Up buchen, da natürlich auch jedes Jahr neue Bands interessant werden. Wir wollten dieses Jahr auch nochmals eine zusätzliche Bühne aufbauen. Ob wir das nächstes Jahr nochmals machen können ist noch unklar.

Habt ihr Erwartungen an den Bund?
Der Bundesrat hat einen schwierigen Job den er sehr gut macht. Ich wünsche mir, dass sie es schaffen, die vielseitige Kultur am Leben zu erhalten und diese weiter geschätzt wird. Ich erhoffe mir, dass sich vemehrt ein Dialog für die kleinen Veranstalter öffnet, die durch restriktive Gesetze immer mehr eingeschränkt werden.

Durchaus ein positiver Blick auf die Zukunft.
Genau. Ich möchte nicht der sein, der sich beschwert. Viele arbeiten momentan sehr hart um die Gesellschaft gesund zu halten und der Fokus soll bei ihnen liegen.

Bild: Fabio Gianini

«Wir wünschen uns, dass auch kleine und nicht-kommerzielle Festivals unkomplizierte Hilfe bekommen.»

Samuel Malapati, Vorstadt Sounds Festival

Bild: Fabio Gianini

Samuel Malapati, ihr habt euer Festival vor Ostern abgesagt. Wie seid ihr da vorgegangen?
Wir mussten uns eine Exit-Strategie zurechtlegen. Wir hatten Angst, dass uns keine Bewilligung für über 1000 Besucher erteilt wird. Auch wenn es zu dem Zeitpunkt noch nicht definitiv war.

War es also schon bei der ersten grossen Pressekonferenz vom 13. März klar?
Wir haben uns zwei Deadlines gesetzt um die weitere Entwicklung zu beobachten, wonach wir mit geringstmöglichem Schaden aussteigen könnten. Beispielsweise mit Bestellungen, die wir noch hinausschieben konnten. So kommen wir finanziell relativ gut weg.

Wie sieht bei euch die finanzielle Lage aus?
Was natürlich nicht mit eingerechnet wird, sind die unzähligen Stunden Freiwilligenarbeit. Für viele Ressorts ist der Aufwand schon gemacht. Vom Verein haben wir überschaubare Werbekosten. Was allerdings ins Gewicht fällt sind die Stornierungsgebühren für Technik, etc. Wenn man die Künstlergagen weglässt, haben wir einen Verlust, der ähnlich hoch ist, wie wenn es an beiden Tagen sehr schlechtes Wetter gewesen wäre.

Was geht ihr mit den Gagen vor?
Laut Vertrag mit den Bands müssten wir theoretisch nichts auszahlen. Das wollten wir aber nicht. Unser Plan war, nachdem unsere Kosten gedeckt sind den Bands die Hälfte der Gage auszuzahlen und sie für nächstes Jahr wieder zu engagieren. Wir mussten das noch mit den Sponsoren absprechen, die Idee hat aber gut Anklang gefunden. Wir wollten da auch nicht zwischen Amateur- und Profimusikern unterscheiden.

Könnt ihr auch Aufwand fürs nächste Jahr sparen?
Ja. Wir versuchen in allen Ressorts, der bereits getätigte Aufwand für die Ausgabe 2021 zu übernehmen.

Habt ihr staatliche Hilfe beantragt?
Wir haben von Stiftungen Defizitgarantien, die unsere Verluste decken sollten. Für die Gagen haben wir uns wie gesagt mit den Gönnern abgesprochen. Es gibt sicher Festivals, die schlimmer dran sind als wir und diese Hilfe mehr benötigen.

Wie schaut es mit eurer Winterausgabe aus?
Die Winteredition dient für uns als Werbung, um in den Köpfen der Leute zu bleiben. Anstelle von Werbung in Inseraten haben wir uns entschieden, einen winterlichen Konzertabend zu veranstalten. Hier ist natürlich die Frage, ob der Event in diesem Jahr überhaupt stattfinden kann. Wir sind mit den Locations in Kontakt, diese können aber auch nicht mehr zur Entwicklung der Lage sagen.

Was für Schlüsse zieht ihr für nächstes Jahr?
Natürlich mussten wir bereits früher einen Plan haben, falls das Festival noch kurzfristiger abgesagt wird. Wir haben über die letzten 20 Jahre auch ein Polster angespart, dass wir uns so ein Jahr halten könnten. Was wir noch nicht diskutiert haben, ob wir ein Konzept für ein kleineres Format machen wollen. Auch war die Rede von Streaming-Konzerten. Wir sind uns da aber nicht sicher, ob sich der Aufwand lohnt.

Was wünscht ihr euch vom Bund?
Wir wünschen uns, dass auch kleine und nicht-kommerzielle Festivals unkomplizierte Hilfe bekommen, damit die vielfältige Kultur in der Stadt bald wieder weiterleben kann.

BIld: Pascal Küng

«Auch wenn es nicht stattfinden kann, ist es uns wichtig zu zeigen, was gewesen wäre.»

Nico Schulthess, Festival I de Marktgass

Bild: Pascal Küng

Schon länger stand die ganze Festivalsaison auf der Kippe. Ihr habt erst gerade das Line-Up präsentiert.
Für uns war es ein wichtiger Antrieb, optimistisch zu bleiben. Auch wenn es nicht stattfinden kann, ist es uns wichtig zu zeigen, was gewesen wäre.
Damit es nicht jetzt schon verschwindet und selbstverständlich wird, dass es nicht da ist. Vor allem aber wollten wir keinen Präzedenzfall kreieren und damit Druck auf andere Festivals ausüben.

Wart ihr mit anderen Festivals in Kontakt?
Wir sprachen uns nicht direkt ab, redeten aber natürlich mit befreundeten Festivals über die ganze Situation.

Wie steht ihr mit einer Absage finanziell da?
Unser Risiko ist glücklicherweise nicht so gross wie bei anderen. Da alle ehrenamtlich arbeiten haben wir keine jährlichen Fixkosten, die auch mit Absage stattfinden. Wir planten mehr vom Festival aus rückwärts, ab wann welche Kosten auf uns zukommen. Substanzielle Kosten wären erst zu einem späteren Zeitpunkt angefallen und wir haben nun ein Konzept bereit, was wir mit allfälligen Geldern machen würden.

Was meinst du mit Gelder?
Die Tickets, die bereits gekauft und bei einer Absage gespendet werden sowie Sponsoring und Kulturfördergelder, die trotz Absage gesprochen werden. Diese Einnahmen werden zu 50% für den Erhalt des Festivals eingesetzt und zu 50% an die Bands ausgezahlt – proportional zur Anzahl Mitglieder. Wir möchten unbedingt die KünstlerInnen unterstützen und dabei auch nicht zwischen Amateur- und Profimusikerinnen unterscheiden. Natürlich sind Profimusiker mehr von den Gagen abhängig. Dafür gibt es aber auch Unterstützung vom Bund. Wir sehen unser Festival auch als Nachwuchsförderung.

Werdet ihr staatliche Hilfe beantragen?
Nur, wenn wir es wirklich brauchen. So wie wir jetzt aufgestellt sind, können wir den finanziellen Schaden voraussichtlich ohne staatliche Hilfe tragen. Tendenziell also nein. Abschliessend entschieden ist dies jedoch noch nicht.

Zieht ihr daraus auch Schlüsse fürs nächste Jahr?
Wir möchten das Programm nicht einfach 1:1 auf das nächste Jahr übertragen. Deswegen wollen wir den Bands auch sicher etwas geben. Wir hätten dieses Jahr unser 10-Jahres-Jubiläum und haben uns einige Ideen für für interdisziplinäre und auch installative Kunst ausgedacht. Aufgrund der sehr unsicheren Situation hatten wir beschlossen, das dieses Jahr nicht durchzuführen, da es zu höheren Kosten führt und wir weniger Unterstützungsgelder hatten. Die Umsetzung wäre also finanziell sehr schwierig gewesen. Nun findet unser 10. Jubiläum im Sommer 2021 statt, voraussichtlich. Wir hoffen sehr, diese Ideen dann auf der Basis von grösserer Planungssicherheit auch umsetzen zu können.

Bild: Milad Ahmadvand

«Ein Fond für Non-Profit-Festivals wäre wünschenswert, damit diese überleben können.»

Cédric Eigner, Schlauer Bauer Festival

Bild: Milad Ahmadvand

Wie seid ihr mit der Situation bis zur Absage umgegangen?
Dadurch, dass der Bund lange keine Massnahmen zu Grossveranstaltungen bekanntgegeben hatte, war die Planung sehr schwierig. Wir haben ein relativ kleines finanzielles Risiko, da wir den grössten Teil der Infrastruktur selber haben. Andere Festivals mussten schon früh absagen, um die Kosten möglichst tief zu halten. Wir hatten da noch etwas mehr Zeit. Auch eine Ausgabe mit weniger Gästen hätte genau geprüft werden müssen. Damit das Budget eingehalten werden kann.

Wie seid ihr von der Absage betroffen?
Die Kosten und Aufwände belaufen sich bis zum jetzigen Zeitpunkt vor allem auf die Eigenleistungen. Diese könnte man aber auch aufs nächste Jahr übertragen. Andere Kosten wie das Hosting der Website oder Bewilligungen sind überschaubar. Wenn wir das Festival aber kurzfristig absagen müssten, könnte dies unsere sonst gesunden Finanzen in Schieflage bringen.

Habt ihr Sponsoren oder Fördergelder?
Wir bekommen Gelder von der Fondation Suisa, da wir über 80% Schweizer Bands buchen. Zusätzlich werden wir von diversen Kulturorganisationen aus dem Zürcher Oberland unterstützt. Zum grössten Teil sind wir allerdings selbstfinanziert. Viel Sponsoring ist auch in Form von Naturalien wie beispielsweise Holz oder wie ein WC für die beeinträchtigten Besucher*innen, das zum grössten Teil von der Celebral-Stiftung übernommen wird.

Einige Festivals zahlen die Bandgagen trotz Absage zu einem gewissen Teil aus. Wie geht ihr da vor?
Wir haben das bisher noch nicht abgesprochen. Sicher ist aber, dass wir das Programm möglichst auf nächstes Jahr übertragen würden. Vielleicht machen wir im Winter ein grosses Schlaubifest Indoor. Dort wird vielleicht die eine oder andere Band aus unserem Line-Up zu finden sein. Wir werden sehen. Sollten wir die Fördergelder trotz Absage erhalten, müssen wir natürlich diskutieren, was damit passiert.

Habt ihr weitere Schlüsse für nächstes Jahr gezogen?
Wir haben jedes Jahr ein Motto fürs Festival. Im Falle einer Absage würden wir das für nächstes Jahr übernehmen. Dafür haben wir gerade auch einen Plakatwettbewerb veranstaltet und da wär’s schade, wenn der Aufwand umsonst gewesen wäre.

Was sind eure Erwartungen an den Bund?
Zur Zeit hat man ein bisschen das Gefühl, dass die Kultur vom Bundesrat eher als Nebensache angesehen wird, die nicht viele Menschen betrifft. Wir selbst arbeiten alle ehrenamtlich. Viele andere wie Bands, Techniker, Zulieferer etc. haben grosse Einbussen. Ich finde, dem muss auch Rechnung getragen werden.
Weiter wäre ein Fond für Non-Profit-Festivals wünschenswert, damit diese überleben können. Viele könnten auch mit Sponsoring Mühe haben. Kleine Festivals werden oft von KMUs unterstützt, denen das Geld in Zukunft möglicherweise fehlen wird und somit fürs Sponsoring weniger bleibt.

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