«Ich hasse das Wort Liebe immer noch»

Benjamin Clementine im Interview

Bild: zvg
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Benjamin Clementine, der englische Shootingstar der Avantgarde-Musik, will seine bisherigen zwei Alben ein letztes Mal zelebrieren – auf Tour mit einem klassischen Quintett. Danach wird er das nächste Kapitel aufschlagen, über das er im Interview spricht.

Eigentlich wärs bald mal wieder Zeit für ein neues Album von dir. Ist etwas Konkretes in Arbeit?

Benjamin Clementine: Ja, ich bin dran.

Du sagtest mal, du wollest nach Russland gehen, um in einem möglichst ungewohnten Umfeld Songs zu schreiben oder aufzunehmen.

Haha. Stimmt, das sagte ich, und das will ich auch nach wie vor. Aber dieses Mal war es nicht dran. Anderes kam dazwischen.

Was denn?

Vaterschaft.

Ach so. Und deshalb hattest du keine Zeit für dein Russland-Projekt?

Das ist es nicht. Vielmehr haben mich ganz andere Themen beschäftigt, als ich gedacht hatte. Ich bin zu einem anderen Menschen geworden, zu jemandem, den ich niemals erwartet hätte.

Ich fühle mich wie ein Alien gegenüber meinem Kind und mein Kind fühlt sich wie ein Alien für mich an.

Auf emotionaler Ebene?

Nicht nur. Auf gesamthaft menschlicher Ebene. Mir wurde so richtig bewusst, dass der Mensch als Baby zur Welt kommt, dann ein Kind wird, und schliesslich ein Erwachsener. Dann wird er vielleicht Vater oder Mutter und danach stirbt er.

Bleibt für dich also nur noch der Tod.

Hahaha. Stimmt, rein theoretisch. Aber hoffentlich noch nicht sofort. Jedenfalls brachte mich diese Erkenntnis in eine ganz neue Phase der Reflexion.

Du sagtest mal, du fühltest dich wie ein Alien in der Welt. Ist das jetzt mit der Vaterschaft anders geworden?

Im Gegenteil. Ich fühle mich wie ein Alien gegenüber meinem Kind und mein Kind fühlt sich wie ein Alien für mich an.

Ist das einfach ein Gefühl oder kannst du das erklären?

Keine Ahnung. Es ist, was es ist. Wir haben alle unsere ganz eigenen Geschichten. Insofern sind wir irgendwie alle fremd füreinander.

Jeder ist ein Alien?

Absolut.

Du etwas mehr als andere?

Keineswegs. Ich glaube, ich habe meine Andersartigkeit einfach mehr akzeptiert als andere. Viele Menschen haben den inneren Drang, sich zu assimilieren. Damit verstecken sie ihre Andersartigkeit. Aber sie bleibt trotzdem unausweichlich.

Und du hast dich jetzt also dafür entschieden, ein vollständiger Alien zu sein.

Niemand ist vollständig Alien. Ich bin zum Beispiel schwarz, aber ich bin nicht vollständig schwarz. Meine Andersartigkeit ist nur ein Aspekt von mir. Würde ich diesen Aspekt totalisiert betrachten, verlöre ich ganz viele anderen Seiten.

Andersartig an dir ist auch, dass du das Wort Liebe offenbar gehasst hast.

Ich hasse es irgendwie immer noch.

Weshalb?

Das Wort ist in der Geschichte der Menschheit missbraucht worden. Etwa im Christentum. Ich bin christlich aufgewachsen, kenne die Bibel von Genesis bis zur Offenbarung nahezu auswendig. Das Wort Liebe kommt dort immer wieder vor. Doch es wurde benutzt, um die Bauern und jene, die nicht für sich selber denken oder einstehen konnten, zu kontrollieren. Mal schickt Gott Tod und Verwüstung über die Welt, dann liebt er sie wieder. Das steht immer im Kontrast. Angst und Liebe. Verstehst du, worauf ich hinauswill?

Nicht ganz.

Allein dieser Vers: So sehr liebte Gott die Welt, dass er seinen eigenen Sohn gab. Das ist doch einfach falsch.

Man kann’s glauben oder nicht…

Ja natürlich, das meine ich nicht. Aber der Vers zeigt, dass Liebe und Tod in der Bibel Hand in Hand gehen – und nicht nur dort. Dieser Kontext der Liebe hat sich in allen Kulturen und Religionen der ganzen Welt so verbreitet. Solch ein Konzept der Liebe stört mich – und der Begriff ist mit diesem Gedankengut gefüllt. Das Gefühl, das ich gegenüber meiner Frau und meinem Kind habe, will ich nicht mit einem solchen Wort umschreiben.

Wie dann?

Mit einem anderen. Oder vielleicht gar keinem. Muss es für jedes Gefühl ein Wort geben? Wenn es gut ist, so wie es ist, weshalb muss man es benennen?

Musik hat mich ausgewählt, nicht ich die Musik.

Mit deinem letzten Album wolltest du zeigen, dass ein Mensch erst Mensch ist, wenn er spielt.

Wollte ich das? Davon weiss ich nichts.

Habe ich in einem Artikel über dich gelesen. Nie davon gehört?

Nein. Ich kenne das Konzept nicht. Also meinst du, wenn der Mensch Musik spielt?

Nein, generell – Spiele spielt. Eigentlich wollte ich fragen, ob Musik dein Spielplatz sei.

Haha. Naja. Spielplatz ist für mich eigentlich das falsche Wort. Musikmachen ist der Teil von mir, der mir am meisten aus meinen tiefsten Krisen geholfen hat. Und Musik hat mich ausgewählt, nicht ich die Musik. Ich verstehe nicht, weshalb. Aber sie hat mich benutzt. Sie hätte auch jemand anderes wählen können. Dann wäre ich wohl heute noch obdachlos, hätte mich selber aufgegeben, vermutlich wäre ich jetzt kriminell. Ich kann nicht sagen, weshalb ich. Aber ich respektiere die Wahl sehr gerne.

Empfindest du Musik manchmal auch als Last, wenn sie sich dir aufgezwungen hat?

Kann sie schon sein, das stimmt. Aber aus meiner Sicht hat sie mich in erster Linie gerettet, daher habe ich den inneren Drang, ihr alles zurückzugeben, was sie mir geschenkt hat.

Du hattest damals, offenbar vor allemauf der Strasse in Paris, psychische Probleme. Hat die Musik auch diese gelöst?

Nein. Ich habe immer noch psychische Probleme. Meine Geschichte ist so sehr in mir, dass ich sie nie ganz abschliessen können werde. Als mein Sohn zur Welt kam, traten plötzlich ganz neue menschliche und emotionale Themen auf. Es war, als wäre ein neuer Mensch in mir entstanden.

Wie gehst du damit um?

Ich flüchte mich in die Musik, sehe einen Therapeuten, mache lange Spaziergänge. Es sind negative Dinge, die auftauchten. Themen, die ich seit meiner Kindheit verdrängt hatte und vor denen mir graute. Ich sah, was meine Eltern in mir kaputt gemacht hatten und sah mich plötzlich selber als einen meiner Elternteile, der nun dieselben Dinge an seinem Sohn kaputt machen kann. Es ist wie eine Wiedergeburt, als hätte mein Sohn eigentlich mich zur Welt gebracht.

Dein Sohn ist ja jetzt knapp anderthalb Jahre alt. Geht es dir besser?

Eindeutig. Mir ist klar, dass ich mich dieser neuen Person in mir stellen muss, wenn ich will, dass mein Sohn in einem positiven Kontext aufwächst. Und das will ich. Musik hilft mir, meine Gedanken auszudrücken. Musik ist auch wichtig für ihn. Er hämmert gerne auf dem Klavier herum.

Hast du neue Songs über deine emotionale Reise seit der Vaterschaft geschrieben?

Ja. Ich habe viele neue Songs. Aber für Konzerte sind sie noch nicht bereit. Live werde ich sie erst singen, wenn das Album da ist. Ein Album braucht Zeit.

Das heisst, du spielst einfach die beiden alten Alben in Zürich live?

Genau, aber anders als auf den Aufnahmen. Ein klassisches Quintett wird mich begleiten, um diesen Songs zum Schluss noch einen anderen Rahmen zu geben.

Wie kam das bisher an?

Das Publikum ist bislang grosszügig, ich bin dankbar.

Und wie fühlt sich das Projekt für dich an?

Auch nicht schlecht. Mit dieser Tour nehme ich eigentlich Abschied von jenen Songs. Ich hatte das schon zuvor vorgehabt, jetzt gibt’s halt eine Ehrenrunde. Ich wollte diese Songs singen und dann für eine sehr lange Zeit weglegen. Jetzt ist der Schlusspunkt. Es ist, als hätte ich eine durchzechte Woche hinter mir und würde nun nur noch Wasser trinken, um mich zu reinigen.

Benjamin Clementine spielt am Sonntag, 19. Mai, im Kaufleuten Zürich.

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