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«Ich habe keine Ahnung von Gesangstechnik»

Ein Gespräch mit Rebekka Bakken

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Enttäuscht von ihrem Umzug nach New York schrieb 48-jährige Sängerin Rebekka Bakken aus Norwegen ein ganzes Album: «Things You Leave Behind». Enttäuschte Songs seien das aber keineswegs, sagt die Frau mit der Vier-Oktaven-Stimme im Interview.

Auf deinem jüngsten Album finden sich Blues-, Soul-, Gospel-, Ragtime- und Country-Nummern – alles alte Stilrichtungen. Hat das einen Grund?

Rebekka Bakken: Das fiel mir ehrlich gesagt erst auf, als ich die fertige Platte hörte. Ich denke nie an einen Stil, wenn ich einen Song schreibe. Kommen dann die Musiker hinzu, überlege ich mir, wie ich das Lied am besten arrangiere. Und so wurde Things You Leave Behind eben, wie sie wurde.

Du zogst offenbar nach New York, um neue Inspiration zu bekommen. Auf deiner Website schreibst du, dass du völlig enttäuscht davon warst, wie sich die Stadt entwickelt hat. Was hat dich so enttäuscht?

Nein, keinesfalls. Ich hatte früher zehn Jahre lang in New York gelebt und nun plötzlich das Bedürfnis, das Gefühl von damals zu rekonstruieren. Ich hatte längere Zeit auf dem Land gelebt, offenbar zu lange, und war bereit fürs Grossstadtleben. Als ich ankam, merkte ich sehr rasch, dass die Stadt nicht so war, wie ich sie in Erinnerung hatte. Andere Dinge sind cooler geworden als damals. Und ich war auch nicht, wer ich damals war. Diese Erkenntnis war durchaus positiv.

Inwiefern?

Wenn ich mich verändere, frage ich mich immer, ob es vorwärts oder rückwärts ist. Ich habe Angst vor der Rückwärtsbewegung. Nun wurde mir klar, dass sich die Welt verändert hat, dass ich aber auch nicht mehr die Gleiche war, und dass ich mich eigentlich keinem spezifischen Gefühl unterordnen musste. Ich dachte: Fuck it! Ich bin, wer ich bin. Ich mache den Shit, auf den ich gerade Lust habe. Aus dieser Stimmung heraus entstand das Album. Die Texte sind teils recht explizit.

Ist mir aufgefallen.

Haha. Ich kann sprechen, wie ich will. Ist doch scheissegal. Das ist nun mal meine Sprache, ich singe sie auch.

War denn New York letztlich eine Rückwärts- oder eine Vorwärtsentwicklung?

New York war ein Fehler. Ich hatte gedacht: Mir dieses New-York-Gefühl wieder zu holen, passe jetzt; mich der Vergangenheit stellen, etwas Altes nochmals durchleben, kreative Umgebung, blablabla. Damit war es dann halt nichts. Fehler bringen mich zur Vorwärtsbewegung, ich brüte gerne über ihnen und ziehe meine Schlüsse.

Bist du eigentlich wieder weggezogen?

Ja, aber nicht sofort. Ich gab der Stadt schon eine Chance. Aber sorry, in meinem Wohnhaus lebten ausschliesslich Menschen, die halb so alt waren wie ich. Was sollte ich da? Jetzt bin ich zurück in Norwegen.

Eine Rückwärtsbewegung?

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Blödsinn. Ich habe mich in einen Norweger verliebt und ging zurück. Das war alles andere als ein Rückschritt, sondern vielmehr ein völlig überraschender Sprung ins Ungewisse. Und ich habe dabei festgestellt, dass es mir eigentlich egal ist, wo ich lebe. Ich kann es mir überall gemütlich machen.

Wie schaffst du das?

Ich bin mit mir selbst im Reinen. Und so kann ich gut weitermachen, immer der Nase nach, ich fühle mich überall wohl.

Ich kann meine Zeit sehr gut damit vertrödeln.

Ist Norwegen inspirierend für dich?

Der Ort, in dem ich lebe, ist, glaube ich, nicht so relevant. Meine Schreiblust kommt immer als innerer Zwang – teils sehr selten. Aber wenn es über mich kommt, dann mache ich stundenlang nichts anderes. Gerade vergangenen Samstag hatte ich endlich wieder mal einen solchen Anfall. Das entstandene Material ist wahrscheinlich nicht brauchbar, aber es ist gut zu wissen, dass diese Kraft in mir immer noch existiert. Teils hat sie sich zwei Jahre lang am Stück nicht gemeldet. In mir drin war alles leer und trocken.

Wie erklärst du dir das?

Ich werde behäbig. Ich kann meine Zeit sehr gut damit vertrödeln, auf dem Sofa herumzulungern oder mir die Nägel zu machen. Ein bisschen Shoppen, ein bisschen Essen. Ich werde faul und bin gut darin, nichts zu tun.

Ist das nicht zyklisch: Wenn du zu faul wirst, musst du wieder etwas unternehmen und nach dem Abenteuer wirst du wieder faul?

Hey, ich muss mehr mit dir sprechen. Ich habe mir nie überlegt, dass das zyklisch sein könnte, aber das ist es womöglich wirklich. Ich dachte immer, ich müsse eine Balance zwischen chaotischem Desaster und dem lethargischen Nichtstun finden. Aber vermutlich kommt das immer abwechslungsweise und ich kann gar nichts dagegen tun.

Ist das Touren für dich eine kreative Zeit?

Absolut. Ich liebe das Chaos des Tourens und die Ordnung, aufzutreten. Du weisst am Morgen nie, wie du dich den Rest des Tages und abends auf der Bühne fühlen wirst. Und dann stehst du da, du weisst, was zu tun ist, aber die Aura, die Stimmung ist jedes Mal anders.

Privat hört Bakken am liebsten Musik von Bob Dylan oder Tom Waits. Bild: zvg

Wie wählst du dir deine Mitmusiker für die Tour aus?

Früher wollte ich primär Leute, die den perfekten Sound auf die Bühne bringen. Heute ist mir vor allem wichtig, dass ich mit ihnen eine gute Zeit abseits der Bühne habe. Dort verbringt man viel mehr Stunden miteinander. Und wenn’s abseits passt, dann üblicherweise auch bei den Shows.

Wie viele seid ihr auf der Bühne?

Fünf Musiker, dazu kommen noch drei Begleiter für Licht und Technik. Das sind, ähm, acht, oder?

Ja. Gut, dass Musik nichts mit Mathe zu tun hat.

Haha, frech. Ernsthaft, aufs Alter hab ich das mit den Zahlen total verlernt. Wie alt bist du?

38.

Ha! Dann kommt’s noch. Bei mir begann das mit 40.

Ich fühle mich, seit ich denken kann, irgendwie fremd in der Welt.

Du hast eine ziemlich atemberaubende Gesangstechnik, du schaffst vier volle Oktaven. Das schaffen wenige. Wie machst du es, dass trotzdem die Emotionen in den Songs überwiegen und nicht dein technisches Können?

Ganz simpel: Ich habe keine Ahnung von Technik. Ich habe keine einzige Gesangsstunde genommen, sondern bin immer meiner Intuition gefolgt, wie ich singen soll. Mein Ansatz war stets: Die Grenzen suchen, dabei aber die wahre Absicht des Songs spüren. So entwickelte sich meine Stimme zu dem, was sie heute ist.

Was für Sängerinnen hörst du, um dich inspirieren zu lassen?

Ich höre kaum andere Sängerinnen. In der neuen Musik geht vieles um Show-Off oder Geld. Mainstream-Radios kann ich gar nicht hören, da bin ich allergisch. Auch im Jazz ist es nicht besser. Da geht’s um Status oder darum, den Intellekt zu zelebrieren. Ich finde das furchtbar. Deshalb begebe ich mich in frühere Zeiten, höre Bob Dylan, Tom Waits, Willie Nelson. Ich suche Musik, die nichts vorgaukelt. Sie muss echt und wahr sein.

Gehst du bei deinen eigenen Konzerten auch zurück, spielst du aus deinem Gesamtwerk oder nur neue Sachen?

Aus musikalischen Gründen würde ich am liebsten nur neue Sachen spielen, aus emotionalen integriere ich aber auch alte Lieder.

Weshalb sonst nur neue Songs?

Ich fühle mich, seit ich denken kann, anders, irgendwie fremd in der Welt. Momentan ist das schlimmer denn je. Ich höre meine alten Songs und ich kann mir kaum noch vorstellen, sie je geschrieben zu haben. Ich habe keinerlei Beziehung mehr zu ihnen. Genau deshalb will ich sie aber ausgraben.

Um herauszufinden, weshalb du den Bezug verloren hast?

Nein. Ich will eine neue Beziehung zu ihnen aufbauen.

Konzert

Rebekka Bakken tritt am Mittwoch, 27. März, im Kaufleuten Zürich auf. Alle Infos zur Show hier.

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