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«Musik kann eine Waffe sein»

Rufus Wainwright im Interview

Der kanadische Tenor Rufus Wainwright vermischt Pop- mit Opernmusik – sein barocker Pop hat ihn zum Aushängeschild einer Spartenszene gemacht. In den letzten Jahren hat er sich allerdings aus der populären Musik ausgeklinkt. Das will er nun ändern, sagt er im Interview.

Rufus Wainwright, dein letztes Projekt war eine Oper, aber eigentlich kommst du aus dem Pop. Was muss ein Popmusiker lernen, um eine Oper zu schreiben?

Rufus Wainwright: Ich muss vorweg schicken, dass meine Eltern Folk-Musiker sind, und Folk meine eigentliche musikalische Herkunft ist. Zudem bin ich, seit ich 13 war, ein Opernfan. Ich bin besessen von der Oper, auch wenn mir bewusst ist, dass ich selber kein Opernsänger bin. Seit Beginn meiner Karriere versuche ich, dieses gewisse Geheimnis der Oper in meine Musik einzubauen. Es ist diese musikalische Zutat, die mich von anderen Musikern in meinem Umfeld unterscheidet. Die Oper ist für mich wie ein Kleid, eine Farbe, in die ich hineinsteigen kann, um negativen Gefühlen zu entfliehen.

Aber wie schreibst du eine Oper?

Ich suche schlicht den Kontrast zu unserer heutigen kommerzialisierten, emotionsentwerteten Musik. Der Mainstream hat jegliches Mysterium eingebüsst – das ist entzauberte Musik. Und genau dort setze ich beim Komponieren an. Ich muss das Geheimnis der Musik suchen, nicht alles sagen, Dinge nur anklingen lassen.

Du musst die ganze Reise schreiben.

Ist das dieses gewisse Geheimnis der Oper?

Ein Teil davon. Die Oper ist stets eine Reise. Sie beginnt an einem Ort und bewegt sich woanders hin. Du kannst nicht das eine Lied komponieren, du musst die ganze Reise schreiben. Natürlich ist die andere Zutat die Stimme. Ich liebe die athletische Qualität einer Opernstimme – und wenn ich für meine Opern Sänger suche, dann bin ich immer extrem nervös. Ich habe ein klares Bild, wie die Stimme klingen soll und sie muss mich vom ersten Moment an wegblasen. Das ist Teil des Geheimnisses.

Du hast vor einigen Jahren auch Shakespeare-Sonetts vertont. Das haben andere vor dir auch schon gemacht, etwa Bryan Ferry. Hat dich das inspiriert?

Stimmt, der hat ein paar vertont. Ich kenne sie aber nicht wirklich. Meine Vertonungen sind über eine recht lange Zeitspanne von etlichen Jahren hinweg entstanden. Ich begann damit schon am Anfang meiner Karriere, dann kam ein deutscher Produzent zu mir und fragte, ob ich das begonnene Oeuvre nicht fortführen wolle.

Du hast jetzt 16 Sonette veröffentlicht. Da gibts noch mehr zu tun, oder?

Haha. Das gäbe eine brutal lange Platte, 154 Songs. Meine Güte. Nein, ich will noch eine dritte Oper schreiben, habe jetzt aber eine Pop-Platte in Arbeit, die in etwa einem Jahr herauskommen wird. Es ist an der Zeit, ich bin zurück in der Pop-Welt.

Mit Popmusik kann ich über Gefühle singen

Weshalb zurück in der Pop-Welt?

Da draussen sind so viele Menschen – sensible, verängstigte Menschen; sie tragen grosse Schmerzen in sich. Mit Popmusik kann ich über Gefühle singen und mich so direkt an diese Menschen wenden.

Geht das mit der Oper nicht?

Nicht wirklich. Die Oper ist in einer anderen, parallelen Welt angesiedelt. Sie betrifft den Zuhörer viel weniger als Popmusik. Und weisst du: Ich will nützlich sein für diese Welt.

Wie soll deine Musik den Menschen helfen, wenn doch der Mainstream sein Mysterium verloren hat?

Ich denke nicht, dass meine Musik ihnen fundamental helfen kann, aber dunkle Zeiten der Geschichte sind der Kunst zuträglich. Kunst, so natürlich auch Musik, kann Themen setzen, kann Gefühle aufgreifen, ein bisschen Zuversicht streuen. Und darin steckt ein grosses Feuer, das ich in meinen Opernprojekten vermisst habe. Die Angst ist inspirierend.

Das sind also nicht nur die Menschen da draussen, die sensibel, verängstigt und verletzt sind, sondern du selber auch?

Selbstverständlich. Ich habe grosse Angst, vor ganz verschiedenen Dingen. Aber die Angst zwingt uns, der Realität ins Gesicht zu schauen. Und darin liegt die Chance, den Kampf mit der Realität aufzunehmen und sie zu verändern. Der Kampf hat für mich begonnen. Ich kämpfe mit Musik.

Musik als Waffe?

Musik kann schon eine Waffe sein – aber noch nicht auf der anstehenden Tour. Mit dem Kampf beginne ich in einem Jahr. Der Titel des nächsten Albums wird Hatred lauten. Das kann ich vorwegnehmen. Aber mehr sage ich nicht dazu.

Musik kann schon eine Waffe sein – aber noch nicht auf der anstehenden Tour. Mit dem Kampf beginne ich in einem Jahr. Der Titel des nächsten Albums wird Hatred lauten. Das kann ich vorwegnehmen. Aber mehr sage ich nicht dazu.

Ich bin gespannt! Was kannst du über die aktuelle Tour sagen, die gerade beginnt?

Ich spiele die Songs meiner ersten zwei Alben. Mir ist bewusst, dass ich recht lange weg von der Bühne war. Für mich war es deshalb besonders interessant, herauszufinden, welchen Bezug ich heute zu meinen alten Songs finden würde.

Und?

Die Songs sind noch immer da. Ich habe sie innerlich nicht verlassen. Damals, als ich sie schrieb, wollte ich um jeden Preis ein Werk mit Tiefe erschaffen. Als ich diese Songs nun hervorholte, hatte ich Angst, dass ich ihnen diese Tiefe rückblickend nicht mehr attestieren könnte. Doch dem war nicht so. Die Lieder haben noch immer Hand und Fuss.

Ein nostalgisches Gefühl?

Ein bisschen. Vielmehr bin ich aber enorm erleichtert, dass sich die Songs für mich nicht tot anfühlen.

Wie spielst du sie live?

Mit einer grossen Band. Wir sind zu sechst. Da sind nicht zuletzt Musiker auf der Bühne, die mit David Bowie oder Jeff Buckley gespielt haben. Die Band ist wirklich hervorragend. Die Tour macht wahnsinnig Spass.

Konzert

Rufus Wainwright spielt am Donnerstag, 11. April, im Volkshaus Zürich.

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