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«Die Pariser Metro war mein erstes musikalisches Zuhause»

Ein Gespräch mit Tiwayo

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Er wird als Manu Chao der Generation 2000 gehandelt: der französische Sänger und Gitarrist Tiwayo. Jetzt kommt der einstige Strassenmusiker mit Band für sein erstes Konzert in der Deutschschweiz nach Zürich. Wir haben mit ihm vorab gesprochen.

Tiwayo, dein Album heisst The Gypsy Soul of Tiwayo. Weshalb hast du eine «Zigeunerseele»?

Tiwayo: «Gypsy» ist ein Spitzname, den mir mein Produzent Mark Neill gab. An einem Tag, als wir im Studio eine Session mit vielen anderen Musikern machten, lachte er plötzlich laut heraus. Alle waren gross und blond, ich war im Vergleich dazu winzig und hatte als einziger zerzaustes schwarzes Haar. Ich sah in dieser Gruppe aus wie ein Fremdling. Seither nennt er mich «Gypsy». Das passte nicht schlecht, zumal ich zehn Jahre lang von Ort zu Ort getingelt war und viel Strassenmusik gemacht hatte.

Hast du deine Laufbahn als Musiker auf der Strasse begonnen?

Nein, ich begann in Reggae-Bands in Proberäumen und auf kleinen Bühnen. Erst als ich mich davon abnabelte, um mein eigenes Ding zu machen, ging ich auf die Strasse. Die Pariser Metro wurde mein erstes richtiges musikalisches Zuhause.

Würdest du nach wie vor in Metrostationen spielen?

Die Erfahrung war toll, manchmal aber auch sehr hart. Metrostationen sind nicht fürs Musikmachen kreiert. Die Menschen sind sehr laut, es gibt einen starken Halleffekt. Ich musste lernen, die Leute zu übertönen und den Hall für mich zu nutzen. So brachte ich mir bei, lauter zu singen.

Wie hast du das gemacht?

Ich begann vor allem, höher zu singen. Höhere Noten kann man mit mehr Druck singen, also sind sie lauter. Diese Zeit war wichtig für mich. Ich bin aber auch froh, dass ich jetzt die Chance habe, in grösseren Konzertsälen aufzutreten.

Würdest du auf die Strasse zurückgehen?

Ich habe kürzlich darüber nachgedacht. Es könnte cool sein, eine einmalige Session in einer Pariser Metrostation zu veranstalten. Manchmal mache ich Shootings für Videoclips in den Strassen, dann befällt mich wieder dieses Gefühl von damals.

Aber wäre es noch dasselbe, jetzt wo du nicht mehr musst, sondern kannst?

Gute Frage. Ich denke, ich würde mit mehr Selbstvertrauen auftreten. Insofern wäre es völlig anders. Und doch dasselbe, denn das Gefühl des unglaublich nahen Publikums, das hat man nur auf der Strasse – ­und das wird sich nicht verändern.

Ist das ein gutes Gefühl?

Wenn man auftritt, gibt man immer viel von sich preis, aber so extrem wie auf der Strasse ist dieses Gefühl sonst nie. Ich mag das, es macht die Musik real.

Auf der Bühne in Konzertsälen ist das Publikum nicht so nah. Kannst du dich dort hinter der Band verstecken?

Selbstverständlich verstecke ich mich auf der Bühne nicht. Man tritt ja nicht auf, um sich zu verstecken. Als Musiker gehörst du auf die Bühne und dort bist du präsent. Aber es ist eine andere Erfahrung als auf der Strasse. Der Aufwand, die Nähe zum Publikum zu schaffen, ist grösser. Ich versuche immer, die Aufmerksamkeit kriegen.

Wählst du dir dafür einzelne Personen aus dem Publikum aus?

Nein, ich will alle. Es geht um eine Aura, die ich im Saal aufbaue, eine Intimität. Du siehst: Es geht wirklich nicht ums Verstecken.

Ich weiss erst, ob der Song etwas taugt, wenn ich ihn arrangiert habe.

Aber der Druck ist kleiner, wenn man eine ganze Band auf der Bühne hat.

Es geht nicht unbedingt um Druck. Stehe ich alleine auf der Bühne – und das ist eines meiner Auftrittskonzepte –, dann fühle ich mich nackt. Das hat einen gewissen Reiz für mich. Der Zugang zum Publikum ist dann unmittelbarer. Ich mag das. Ich habe aber auch eine Trio-Formation, die keine volle Band ist und trotzdem etwas mehr Spielraum gibt. Am liebsten mag ich die volle Band, weil sie mir ermöglicht, meine Songs so zu spielen, wie sie meines Erachtens klingen sollten.

Weisst du beim Komponieren jeweils schon, wie der Song am Ende klingen soll?

Der Song entsteht bei mir immer inklusive Arrangement auf einen Schlag. Ich habe den Text, die Akkorde und die Melodie im Kopf und muss dann sofort in mein Heimstudio gehen, um einen Groove einzuspielen und möglichst viel zu arrangieren. Ich weiss erst, ob der Song etwas taugt, wenn ich ihn arrangiert habe. Erst dann ist er fertig.

Bild: zvg

Wie kommst du eigentlich zu all diesen alten Musikstilen?

Mein Vater war ein echter Jazz-Fan, daher wuchs ich mit Ella Fitzgerald, Sarah Vaugh und all dieser Musik auf. Das beeinflusste mich stark und ich begann, meine eigenen Geschichten um diese Musik herum zu entwickeln, auch wenn sie lange vor meiner Zeit entstanden war. Als ich dann mit 16 begann, Gitarre zu spielen, hatte ich logischerweise einen direkten Zugang zu solchen Songs. Ich begann zu jammen, Gras zu rauchen, traf mich mit Freunden aus der Schule. Das waren gute Zeiten, diese Musik war überall. Ich bin da hängen geblieben.

Als Gitarrist Mainstream machen zu wollen, wäre im aktuellen Zeitalter des Elektropops ohnehin etwas knifflig.

Extrem. Ab und zu hört man hier in Europa einen guten Song im Radio, aber das hat Seltenheitswert. Hier ist Radiomusik meist scheisse. In den USA ist das ganz anders. Da ist gute Musik seit jeher etabliert und läuft auch heute noch bei den grossen Radiosendern. Schau dir Quincy Jones an: Der Mann hat während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die populäre Musik geprägt wie kein anderer. Und das stets mit extrem hohem Qualitätsanspruch. Das hat sich bis heute durchgezogen. Ich wünschte, die Europäer wüssten das auch zu schätzen.

Mit welcher Formation kommst du nach Zürich?

Ich hoffe mit der vollen Band, vermutlich aber ohne Background-Sänger.

Das wird dein erster Auftritt in der Deutschschweiz, oder?

Allerdings. Ich habe eine gute Verbindung nach Lausanne, und werde dort einen Teil des nächsten Albums produzieren. Die Schweiz ist wichtig für mich. Aber im deutschsprachigen Teil trat ich noch nie auf. Für mich sind solche Shows wahnsinnig interessant. Ich habe keine Ahnung, ob die Menschen hier schon einen Bezug zu meiner Musik haben oder wie sie darauf reagieren werden. Das ist eine grosse Chance, um meine Reichweite zu vergrössern.

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