«Bei uns gibt es keinen Bullshit»

White Lies über das neue Album, Erwartungshaltungen und Stolz

Bild: Michelle Brügger
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White Lies feiern dieses Jahr das zehnjährige Jubiläum ihres famosen Debüts «To Lose My Life…». Im Interview offenbart die britische Band, wie ebendieses Werk ihr neues Album «FIVE» beeinflusst hat.

Im Dachgeschoss des Zürcher Dynamos prasselt der Regen gegen die Fenster. Harry McVeigh, Charles Cave und Jack Lawrence-Brown wirken erschöpft. In den letzten neun Tagen haben die White Lies acht Konzerte absolviert. Drummer Jack meint, einen solchen Marathon hätten sie noch nie zuvor hingelegt: «Es ist härter, als wir uns das vorgestellt haben.» Damit beginnt das Interview.

Dieses Jahr feiert euer Debütalbum To Lose My Life… seinen 10. Geburtstag. Das neue Album FIVE wirkt dabei wie ein Blick in eure Vergangenheit, aber schaut gleichzeitig in die Zukunft. Das denkt ihr über dieses Statement?

Charles Cave: Das stimmt. Es war wohl unvermeidbar, dass wir nach zehn Jahren als Band eine gewisse Reflektion des Bisherigen machen. Auf FIVE wollten wir kreative Ideen vom ersten Album weiter erkunden und gemachte Fehler vermeiden. Aber wir betreten auch neues Territorium; insbesondere bei der Instrumentierung. Die Akustik-Gitarre oder das Piano gehörten bislang nicht zu unserer Klangpalette.

Was waren denn diese Fehler, die ihr gemacht habt?

Charles: Wir haben an manchen Songs des ersten, aber vor allem des zweiten Albums nicht lange genug gearbeitet. Daraus haben wir sicher gelernt, sind an den Fehlern gewachsen. Im damaligen Kontext waren es auch nicht unbedingt Fehler. Rückblickend ist es aber schwer, mich selbst nicht zu kritisieren. Andererseits waren wir damals 19 Jahre alt, was erwartet man da…

Charles Cave. Bild: Michelle Brügger

Charles, 2013 sagtest du im Interview mit Negative White folgendes: «First Time Caller ist der beste Song, den wir jemals geschrieben haben.» Stimmt das auch heute noch?

Charles: Ich liebe den Song immer noch. Ich denke, es ist einer unserer richtigen Songs. Er fühlt sich mühelos an. Ein cleverer Song, der nicht versucht, clever zu sein. Ich konnte damals nicht glauben, dass wir einen so guten Song geschrieben haben. Ich weiss bis heute nicht, wie wir das gemacht haben.

Harry McVeigh: Eine andere Band könnte den Song spielen und er würde immer noch ziehen.

Charles: Genau, genau! Er ist einfach richtig – und wir machen viel, das nicht richtig ist.

Habt ihr einen Favoriten auf FIVE?

Jack Lawrence-Brown: «Ich bin ein grosser Fan von Tokyo, weil der Song ein Momentum für uns erzeugt, wie kein Song seit Bigger Than Us getan hat. Die Menschen haben sofort eine Beziehung zum Song aufgebaut. Das ist eine grosse Errungenschaft für uns. Aber mein Lieblingstrack ist Kick Me.

Harry: Time To Give finde ich fantastisch. Und ich mag Fire and Wings, weil der Song so komplett anders ist als alles, was wir bisher gemacht haben. Er überrascht die Menschen; besonders, wenn wir ihn live spielen.

Ich denke, dass das, was die Fans an den White Lies lieben, auch das ist, was wir am Sound mögen.

Trotzdem werden die White Lies immer wieder an den Hymnen wie To Lose My Life oder Farewell To The Fairground gemessen. Wie geht ihr mit dieser Erwartungshaltung um? 

Harry: Ich glaube, die einzige Erwartung der Fans ist es, dass wir hoffentlich diese Songs an den Konzerten spielen. Aber wir lieben diese Songs ja auch, also ist diese Erwartung keine grosse Herausforderung. Manchmal sind wir uns im Songwriting-Prozess bewusst, dass wir etwas machen müssen, das unserem Sound entspricht. Aber wir können ein neues Licht darauf werfen. Ich denke, dass das, was die Fans an unserer Musik lieben, auch das ist, was wir daran mögen.

Charles: Ich finde es deutlich merkwürdiger, was die Fans für Erwartungen an unseren Musikgeschmack haben. Sie fragen uns, ob wir die Editors hören. Ganz ehrlich: Ich kann dir nicht mehr als eine Zeile einer ihrer Songs singen. Dasselbe gilt für Joy Division. Natürlich gab es 80s-Bands, die uns beeinflusst haben. Das waren aber eher Talk Talk oder Tears For Fears. Wir waren nie wirklich angezogen von diesem kühleren Sound.

Harry McVeigh. Bild: Michelle Brügger

Eure Musik generiert offenbar einen ähnlichen Vibe.

Charles: Nun, wir versuchen immer wieder, unseren Sound ganz anders anzugehen. Aber am Ende klingt es doch so, wie wir eben klingen. Irgendwie mag ich das auch, denn es ist ehrlich.

Dennoch: Eure Alben hatten immer einen Variantenreichtum inne. Seid ihr es nicht satt, nur an den Hymnen gemessen zu werden?

Jack: Das sind halt die Singles, die wir ausgewählt und beworben haben. Es ist auch die besten, eingängigsten Songs. Deswegen verknüpfen die Menschen uns mit ebendiesen Songs. Wir müssen einfach versuchen, noch bessere Songs zu schreiben.

Charles: Das scheint uns mit Tokyo ja auch gelungen zu sein. Aber wenn man ein Album zusammenstellt, braucht man Variationen. Ein Album, das nur aus massiven Höhepunkten besteht, ist doch ermüdend. Wenn man sich einen Klassiker wir Nirvanas Nevermind ansieht, dann hat auch ein Something In The Way eine Funktion: Es schliesst das Album in einer anderen Stimmung ab. Das heisst: Auf FIVE hat ein Kick Me seine Rolle. Stell dir vor, es käme ein weiterer Track wie Believe It. Wir würden uns nur noch wiederholen – und das ist nicht unbedingt eine gute Idee.

Habt ihr für FIVE den Ansatz im Songwriting verändert?

Harry: Nicht wirklich. Der grosse Wandel kam nach To Lose My Life… Diese Songs entstanden, als wir Teenager waren. Damals haben wir ganz anders am Material geschrieben. Bei Rituals sind Charles und ich erst vor den Computer gesessen, haben das Album geplant und rudimentäre Ideen aufgenommen. Daraus haben wir über den Prozess und unser Funktionieren als Band gelernt. Insbesondere Friends war ein Wegweiser für die neue Platte, weil wir alle Entscheidungen selbst treffen konnten. Wir haben grosse Schritte nach vorne gemacht – und ich hoffe, dass wir darauf aufbauen können. Bei FIVE spürt man sicher eine gewisse Nostalgie. Wir haben vor allem auf To Lose My Life… und Big TV geblickt und überlegt, wie wir Elemente daraus einverleiben können.

Jack Lawrence-Brown. Bild: Michelle Brügger

Apropos Rückblick: Was erstaunt euch am meisten, wenn ihr auf das vergangene Jahrzehnt zurückblickt?

Harry: Dass wir immer noch da sind. Ich habe kürzlich mit einem niederländischen Journalisten gesprochen. Er erzählte, dass er mich noch vor dem ersten Album interviewt hat. Er sagte: 2008 sagtest du mir, dass du glücklich seist, wenn du das für zwei Jahre machen kannst. Das fasst es eigentlich schön zusammen: Wir haben damals nie geglaubt, dass wir das für zehn Jahre machen würden. Nun beginnt es sich normal anzufühlen.

Und worauf seid ihr besonders stolz?

Charles (seufzt tief, überlegt lange): Ich bin stolz auf unsere Arbeitsmoral und unsere Ehrlichkeit. Bei uns gibt es keinen Bullshit. Wir vergeuden keine Energie, uns als etwas anderes zu präsentieren als die Band und Menschen, die wir sind. Wir haben kein Bedürfnis nach einem Celebrity-Status.

Harry: Wir wären sowieso keine Celebrities.

Jack (mit trocken-britischem Humor): Aber, weisst du, es hat schon was, eine sexy Heroinsucht zu haben und sieben Supermodels gleichzeitig zu daten.

Charles: Die Medien mögen natürlich eine schöne Schlagzeile und die Sensation. Aber da gibt es nicht viel in unserem Leben, das man als sensationell beschreiben könnten. Wir lieben es einfach, Songs zu schreiben. Und ich behaupte, wir sind darin verdammt gut. Dass wir nach zehn Jahren immer noch Menschen begeistern, ist die beste Bestätigung. Die White Lies hatten nie die Ressourcen, grosse Werbekampagnen zu fahren. Aber wir beenden gerade eine Tour, auf der 18 Konzerte voll und die anderen Shows zu 90 Prozent ausverkauft sind. Das haben wir mit nichts als der Musik erreicht. Der einzige Grund, weshalb die Menschen an unsere Konzerte kommen, sind die Songs.

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