Bild: Pascal Berger

Die Katharsis

Weshalb Yokko die musikalische Verkörperung der Gen Y sind

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Yokko melden sich nach einer Auszeit zurück – verändert und befreit. Im Gespräch mit Sänger und Songwriter Adrian Erni offenbart sich, weshalb die Band das musikalische Abbild der Generation Y ist.

Die Sonne scheint warm über der Limmatstadt. Im Restaurant Volkshaus sitzt Adrian Erni am selben Tisch wie vor drei Jahren. Damals trank er einen Ananassaft, heute bestellt sich der Sänger, Gitarrist und Songwriter von Yokko eine Apfelschorle. Die langen Haare sind weg, doch das Feuer glüht noch immer in seinen Augen.

Im Januar überraschte die Schweizer Band mit der Single Thief. Yokko wurden bislang für ihren eingängigen Pop-Rock gefeiert. Der neue Song zwang alle, die Band neu zu entdecken: An die Stelle des aalglatten Sounds trat ein roher und kantiger Rock.

«Der Strudel hat uns mitgerissen»

Die Geschichte von Yokko begann eigentlich 2011. Es ist ein unbeleuchtetes Kapitel, das selbst die Band nicht mehr beschreibt. Sie tauchten urplötzlich auf, die Namen der Musiker wurden nicht kommuniziert: Yokko sollten als Einheit, nicht als einzelne Köpfe wahrgenommen werden. In einer Vorschau auf das «Summer Sounds» in Sursee schrieben wir über die mysteriöse Band:

Unterkühlte Wave-Riffs treffen auf satte Synthie-Flächen, dabei stets durch die treibenden Drums beflügelt. Noch lässt sich nichts Konkretes über die Musik von Yokko sagen, denn das Album lässt noch auf sich warten. Mit den kleinen Schnipseln auf ihrer Website lassen sie uns jedoch bereits das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Die offizielle Geschichtsschreibung von Yokko beginnt 2013 mit dem Debütalbum Seven Seas. Hier tritt Adrian Erni erstmals als Frontmann in Erscheinung. Der Startschuss hätte nicht märchenhafter sein können: Das Album schoss in die Top 10 der Hitparade, die Band mit einem Swiss Music Award als «Best Talent» bejubelt. «Es war unfassbar, der Strudel hat uns mitgerissen», erinnert sich Erni.

Nach zwei Jahren konstant auf Achse merkten die Musiker, wie ausgelaugt sie waren. Sie zögerten gar das neue Album heraus um nochmals durch die Schweiz zu touren. Ein Fehler, wie Erni heute zugibt. Das zweite Werk To The Fighters. To The Boxers. war das Resultat einer intensiven Grundschule. Yokko klangen erwachsener, gereifter. Das Album warf viele Fragen in den Raum, denen sich die Musiker selbst stellen mussten: «Wir waren Mitte Zwanzig, einem Alter, in dem wir Entscheidungen fällen mussten: Welchen Weg schlage ich ein? Wo will ich vollen Einsatz zeigen? Was fühlt sich für mich gut an?»

«Wir brauchten Distanz»

Auch das zweite Album sorgte für Furore: Musikalisch irgendwo zwischen Coldplay und den Editors war es ein Sound, der die Massen mitreissen konnte. Yokko tourten durch ganz Europa bis ins Land der aufgehenden Sonne, über 300 Shows haben sie mittlerweile auf dem Buckel. Im Herbst 2017 folgte das Déjà-vu: Abermals waren die Musiker am Ende ihrer Kräfte.

Domenic Schüpbach, Adrian Erni, Philipp Treyer und Mats Tröhler (v.l.n.r). Bild: Pascal Berger

Im Dezember dann Yokko kündigten an, eine Auszeit zu nehmen – Dauer unbestimmt. «Es war kein Burnout, aber wir spürten, dass wir alle Distanz brauchten. Wir wussten nicht, ob wir jemals wieder zusammenkommen würden», sagt Adrian Erni. Die vier Musiker gingen getrennte Wege in die Dunkelheit und Stille.

Wohl niemand konnte die massive Tektonik dieser Entscheidung voraussehen. Die Fragen, die sie auf To The Fighters. To The Boxers. stellten, aber keine Zeit hatten, für sich zu beantworten, kochten wieder an die Oberfläche. Das Ergebnis: Die Musiker kündigten oder reduzierten ihre sicheren Jobs. Erni selbst zog es schnell wieder zum Songwriting. «Musik ist meine Droge, ohne sie kann ich nicht überleben.»

Nach den individuellen Selbstfindungen traf sich die Band bei Adrian Erni in den Bergen zur tiefschürfenden Aussprache. Nächtelang diskutierten sie, ob und wie es weitergehen sollte. «Wir haben voreinander die Hosen runtergelassen», meint Erni. Und sie erkannten, dass sie immer noch kompatible Puzzleteile des Bandgefüges waren.

«Wir haben alle einen Dieb in uns»

So klar die Entscheidung war, weiterhin gemeinsam Musik zu machen, so einstimmig war auch das Bewusstsein, sich nicht mehr reinreden zu lassen. Mit der groben Axt hauten sie im Dezember 2018 in ihren Katalog und warfen in Marie-Kondo-Manier ihr bisheriges Schaffen von den Streaming-Plattformen. «Wir schämen uns nicht für das, was wir früher gemacht haben. Aber es entspricht nicht mehr dem, was wir heute sind», erklärt Adrian Erni.

Der Schritt von Yokko mag auf den ersten Blick irritieren, doch ist nach der Auszeit bloss die logische Konsequenz: Es schafft Raum für Neues. Die Band, insbesondere Erni, versteht Musik als Momentaufnahme. Als Kommunikation mit der Welt, aber auch sich selbst. «Ich will viel näher an das Hier und Jetzt gelangen. Deshalb veröffentlichen wir die Songs so zeitnah wie möglich. Bis ein Album die Öffentlichkeit erreicht, ist es ein langer Prozess», gibt Erni zu bedenken.

Soliva heisst die erste EP nach der Katharsis von Yokko. Übersetzt aus dem Rätoromanischen bedeutet es «Ort der aufgehenden Sonne». Das Thema der Wiedergeburt, des Aufbruchs, des neuen Kapitels manifestiert sich auch im Untertitel «The echo of the night is the rising sun».

Vier Songs vereint Soliva. Die erste Single Thief handelt von den zwei Gesichtern einer Person. «Wir haben alle einen Dieb in uns, der einen aufhält, die Freiheit und das Licht stiehlt», sagt Erni. Auch Soliva selbst hat zwei Gesichter. Das rabiat-laute Thief und Skyfall sind die hochtrabenden Stadion-Rock-Nummern, während Wondering Heights und Echoes sich den Normen der Popmusik entziehen.

Skyfall ist eine Coming-Out-Hymne, ein musikalisches Mahnmal, für sich selbst einzustehen. Wondering Heights beschäftigt sich damit, wie wir in Diskussionen die grossen Zusammenhänge der Welt vergessen. Echoes spricht über die Kommunikation und wie die Digitalisierung Filter über die Zwischenmenschlichkeit legt.

Während Yokko schon auf To The Fighters. To The Boxers. mit kraftvollen Botschaften aufwarteten, ist es Soliva, wo sie erstmals uneingeschränkt ins Rampenlicht rücken. Die Abkehr vom reinen Pop widerspiegelt die Kraft der Texte: Die glattpolierte Sound-Schicht platzt auf und legt die darunterliegende Schicht frei. Yokko waren niemals eine oberflächliche Popband. Auf Soliva wird dies nun richtig deutlich.

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«Wir weigern uns, ein Rädchen im System zu sein»

«Yokko ist eine junge Band auf der Jagd nach Zeit, Eigenständigkeit und Antworten. Eine musikalische Verkörperung der Generation Y – im Spannungsfeld der Möglichkeiten und der Überforderung. Auf der Suche nach dem Sinn im Leben.» Das war das Fazit des letzten Interviews mit Adrian Erni.

Tatsächlich sind Yokko das perfekte Abbild einer Generation, die wie die Musiker selbst zwischen 1985 und 1995 geboren wurde. Das Coming of Age lässt sich am Werdegang der Band ablesen wie die Jahrringe eines Baums. Mitgerissen vom Erfolg von Seven Seas, enthusiastisch und hilflos zugleich. Dann die Zweifel, die Fragen, aber auch die Wut auf To The Fighters. To The Boxers. «Ich glaube, unsere Generation hinterfragt mehr», sagt Erni. «Ich bin beispielsweise kein Freund des Schulsystems. Von Anbeginn werden wir in ein Raster gedrückt, ohne dass auf den einzelnen Menschen eingegangen wird.»

Der Individualismus, die Selbstfindung – auch sie sind wiederkehrende Elemente ebendieser Generation. Die Themen auf Soliva machen Yokko zu einer politischen Band von neuem Schlag: Sie nehmen keine Partei im herkömmlichen Sinne, sondern greifen Themen auf, die sie selbst beschäftigt. Den Vorwurf, dass die Gen Y egozentrisch ist, lässt Erni nicht gelten: «Wir weigern uns, ein Rädchen im System zu sein.»

Die Konfrontation mit dem Status Quo bedeutet einen Angriff auf die Leistungsgesellschaft, die uns zwar Wohlstand gebracht hat, aber auch Depression und Entfremdung. Wie kann man untereinander ehrlich sein, wenn man es nicht zu sich selbst ist? Das ist die Frage, die in jeder Note und jeder Silbe von Soliva mitschwingt. Die Zwischenmenschlichkeit fängt bei sich selbst an. «Wir wollen den Menschen den Mut geben, ihre Ängste zu überwinden und sich selbst zu hinterfragen: Bin ich wirklich glücklich?»

Konzerte

  1. Mir kommt das eher wie eine PR Strategie vor, als wirkliches verweigern des Systems. Was ja nicht negativ sein soll, aber halt nicht Real rüberkommt.
    Sowie muss ich sagen, dass mich die ganze EP musikalisch nicht überrascht. Nichts eigenes, eher kopierte Sachen.

    1. Hey Thomas

      Tröhler ist ein relativ kleines Geschlecht, es gibt zwei unabhängige Familien. Es kann gut sein, dass wir verwandt sind. Aber auf jeden Fall kennen wir uns nicht.

      LG Janosch

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